Letzte Änderung: 11.07.2009

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Karolina (1 Jahr 6 Monate)

Zu diesem Brief gibt es Fortsetzungen:
Ein Bobbycar verbindet: (Karolina 2 1/2 Jahre)

Karolinas (geb. 01.09.05) Intensivtherapie im Therapiezentrum Iven in Baiersbronn, Schwarzwald

Karolina (15 Monate) kam mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt und hatte von Geburt an große Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme. Selbst als mit 7 Monaten die Lippe verschlossen wurde, benötigte sie stets Flaschensysteme, bei denen man den Milchfluss manuell steigern konnte. So hörte ich von unserer Krankengymnastin, die immer über unsere Fütterprobleme informiert war, in diesem Zusammenhang ab und zu den Namen einer Logopädin, Gabriele Iven, die sich unter anderem auf Fütterproblematik spezialisiert hat.

Ausschlaggebend für unsere Intensivtherapie war, dass Karolina während der Krankengymnastikstunde Hunger hatte und ich sie dort mit Brei fütterte. Die Therapeutin war über Karolinas Ess- verhalten etwas entsetzt und sagte, dass Karolina nicht kauen lernen würde, wenn ihre Essmotorik sich nicht ändert. Ich war geschockt, denn das war mir gar nicht bewusst gewesen.

Karolina schloss weder den Mund um den vollen Breilöffel, noch beim Schlucken. Statt dessen machte sie mit der Zunge wellenförmige Bewegungen, die eigentlich zum Saugen notwendig sind. Dies aber bereits über mehreren Monaten hinweg. Ich habe es selbst probiert: schlucken mit geöffnetem Mund ist sehr anstrengend und kein Dauerzustand.

Also setzte ich mich zu Hause direkt ans Internet, machte die Seite www.gabriele-iven.de ausfindig und schilderte per E-Mail unsere Problematik. Wenige Tage später hatte ich, nachdem ich Infomaterial und eine Liste mit Ferienwohnungen erhalten hatte, einen Termin für eine Woche Intensivtherapie (Wartezeit ca. 10 Wochen) vereinbart und eine Ferienwohnung organisiert. Karolinas Papa konnte für diese Zeit Urlaub nehmen und mitkommen.

Da wir von all unseren Therapeuten kein rein positives Feedback über die Intensivtherapie bekamen, sondern eher Skepsis nach dem Motto "das muss jeder selbst für sich rausfinden ob es was für das Kind ist und diesem was bringt", sind wir mit gemischten Gefühlen losgefahren und haben keine Wunder erwartet. Uns war auch bekannt, dass die Kinder dort gefordert werden und die Intensivtherapie mitunter auch für die Eltern sehr anstrengend sei. Jedenfalls wollten wir es einfach ausprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass es evtl. nur eine einmalige Sache ohne Erfolge werden könnte. Vorher musste ich noch beim Frühförderzentrum verschiedene Rezepte für Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie besorgen, damit der Behandlung nichts mehr im Wege stand.

Karolina war für insgesamt 6 Tage, inkl. Samstag, angemeldet, an denen sie täglich, ihrem Alter entsprechend, zwei Therapiestunden bei verschiedenen Therapeuten hatte. Bei der Anamnese fragte uns eine Therapeutin, was unser Ziel sei - klar, anständiges essen - und teilte uns auch gleich mit, dass Karolina in dieser Woche höchstwahrscheinlich in der Therapie nicht essen würde und auch eher erst einmal an der Flasche trinken lernen müsse. Das verwunderte und enttäuschte uns natürlich und auch, dass wir fast im gleichen Atemzug eine Art Plan mit Stichmännchenzeichnungen in die Hand gedrückt bekamen, nachdem Karolina turnen und ihrem Entwicklungsstand nach (sie saß nicht, bewegte sich nicht fort, drehte sich zwar auf den Bauch - schimpfte dann aber weil sie in Bauchlage nichts anzufangen wusste, denn stützen strengt ja an und zum zurückdrehen fehlte ihr die Idee, obwohl sie es eigentlich konnte) bis zur Übungen "Kriechen" turnen sollte.

Turnen? Was hat denn turnen mit essen zu tun? Aber gut, wir hatten ja auch Rezepte für Krankengymnastik mitbringen sollen. Die Übungen waren auch nicht schwer, wie uns die Therapeutin zeigte, denn Karolina musste nichts selbst tun, sie wurde einfach bewegt. Jedoch hat man gleich erkannt, dass all diese Bewegungen beim Kriechen etc. wieder auftauchen. Von unserer Ergotherapeutin aus dem SPZ wusste ich bereits, dass Karolina Bewegungen immer wieder wiederholen muss, bis sie automatisiert sind, d.h. dass sie alleine auf die Idee kommt sie auszuführen. Somit fand ich dieses Turnen - das Konzept nennt sich Padovan - also ganz sinnvoll.

In der zweiten Therapiestunde fragte die nächste Therapeutin dann, ob wir schon eine Mundtüte hätten. Mundtüte? Äh..., nein, eine Mundtüte hatten wir nicht. Mittlerweile haben wir eine und es ist einfach eine Tüte, in der allerlei Dinge für Mundübungen sind. So z.B. ein Vibrationsgerät und Holzspatel wie ihn Ärzte benutzen, womit Karolina ab den Füßen aufwärts berührt wird. Auch der Mund, Gaumen und alle Zungenseiten werden damit ausgestrichen, zur Stimulation. Und einen Kauschlauch aus Gummi, auf dem Karolina links und rechts abwechselnd kauen und den sie dabei mit der Zunge berühren soll. Es gibt auch zwei Pfeifen, auf denen sie pfeifen soll, zur Luftstromlenkung. Ebenso einen Zahnarztspiegel, mit dem der Würgreflex ausgelöst wird, zur Stärkung des Gaumensegels. Eine Spritze, aus der sie einige Schlucke trinken soll und zuletzt eine gebastelte Konstruktion aus Gummis und Strohhalmen, womit die Zunge "gefangen" wird und Karolina sie wieder rausziehen soll. Diese Tüte kann von Kind zu Kind variieren und ist auch altersabhängig verschieden.

Am zweiten Abend fand im Therapiezentrum ein Elternabend für Eltern von Intensivpatienten statt (inkl. Kinderbetreuung auch von Geschwisterkindern), wo Frau Iven persönlich erklärte, warum so viel geturnt wird und wie wichtig das Turnen für die Kinder sei, denn sie hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder bei denen auf das Turnen verzichtet wird, irgendwann Defizite aufweisen, und sei es "nur" eine Leseschwäche. Frau Iven erklärte auch, warum man die Kinder im Therapiezentrum so fordert und nicht bedauert, wenn sie schreien. Immerhin tut ihnen ja nichts weh, sondern sie möchten vielmehr nicht mitmachen. Sie ist von ihrem Konzept überzeugt und der Meinung, dass es (unangenehme) Dinge gibt, die Kinder ohne große Diskussionen einfach tun müssen, ob das nun Hausaufgaben sind oder turnen. Sie arbeitet z.B. auch mit Frau Padovan persönlich zusammen und erlernt das Konzept nicht von Dritten.

Alle Eltern oder ohne Mann angereiste Mütter stellten sich vor und erklärten kurz, an was ihr Kind leidet. Es gab viele Kinder mit Down-Syndrom oder Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, jedoch auch welche, die einfach entwicklungsverzögert waren oder Behinderungen hatten und mehr oder minder beeinträchtigt waren. Etliche Familien waren bereits zum zweiten, dritten oder vierten Mal da und erklärten, dass in jede Intensivwoche Fortschritte bei ihren Kindern ersichtlich wurden und zu Hause beim fleißigem Üben, weitere Fortschritte festzustellen sind. Natürlich war niemand da, der erzählte dass es seinem Kind nichts brachte und das Kind nicht mehr kommen wird, obwohl es dies evtl. auch gibt. Eine Altersbegrenzung für Kinder gibt es nicht (wir lernten Patienten von 9 Monaten bis 15 Jahre kennen), im Gegenteil, denn es kommen u.a. auch Senioren zur ambulanten Therapie, wenn auch die Kinder sehr überwiegen.

 In der Zeit vor und nach den Therapiestunden konnten wir mit Karolina in einer Spielecke spielen, über Kopfhörer Lateraltraining mit ihr machen, mit anderen Eltern Kontakte knüpfen oder einfach Kaffee trinken. Im Therapiezentrum kam somit bei Groß und Klein keine Langeweile auf, auch auf Geschwisterkinder ist man dort eingestellt, scheinbar auch bei der Terminvereinbarung der Therapien. Die Termine sollte man beim Verlassen der Praxis immer an der Rezeption abchecken, da sie sich evtl. kurzfristig ändern können.

Jedenfalls bestand die Therapie im Großen und Ganzen darin, dass Karolina zwei Mal täglich mit den Therapeuten immer die gleichen Übungen turnen und "Mundtüte machen" musste, wie es dort so schön genannt wurde. Ab und zu auch Castillo Morales, je nach behandelnder Therapeutin und deren Ausbildung. In einer Mappe, die wir ständig mit uns rumschleppten und auch mit nach Hause nehmen duften, wurde alles an Therapie und Zielen eingetragen. Auch bekamen wir den Rat, Karolina Vitamin H, bzw. Biotin zu geben (gibt es sogar rezeptfrei in Drogeriemärkten), das sich in entsprechender Dosis positiv auf ihren schwachen Muskeltonus auswirken sollte und nach wenigen Tagen auch sichtbar auswirkte. Um den Rat, mit Karolina Trampolin zu springen war ich auch dankbar. Denn sie hatte großen Spaß daran, mit mir auf meinem Arm zu hüpfen und fand es auch nicht schlecht, wenn sie auf dem Bauch lag und ich mich über sie stellte und leicht hüpfte. Es war direkt ersichtlich und nachvollziehbar, dass sie Muskelspannung aufbauen musste, sobald es wippte. Ursprünglich sollten wir auch einen Termin zur Ernährungsberatung bekommen, welcher aber letztendlich nicht zustande kam, aber durch eine nachträgliche telefonische Beratung ersetzt werden konnte.

Nach dem dritten Tag wurden wir entsprechend angeleitet, so dass wir alle Übungen auch zu Hause, einmal täglich, fortführen konnten. Karolina war ab dem zweiten Tag auffallend müde, scheinbar war es für sie doch anstrengend. Sie wurde aber in keiner Weise überfordert oder ähnliches. Im Gegenteil, sie hat immer gut mitgemacht, obwohl das Pfeifen ihr immer noch ein Gräuel ist, weil sie eben nicht versteht, was sie da tun soll. Trotzdem muss sie auch das lernen. Letztendlich wurde sogar spontan doch gefüttert. Da Karolina 1.5 Stunden vor ihrer eigentlichen Essenszeit war und ich ausdrücklich sagte, wie wenig sie üblicherweise isst, war ich überrascht was für einen Riesenpott Brei die Therapeutin anrührte. Aber vor allen Dingen war ich überrascht, dass Karolina ALLES aß. Mit entsprechender Konsequenz funktioniere wohl auch das. Jedoch sehen wir zu Hause eher davon ab, sie zu mästen, weil wir der Meinung sind, dass Essen mehr ein Genuss statt ein Muss sein sollte.

Fazit der Therapie ist, dass es für uns ein Erfolg war und ich in ca. drei Monten mit Karolina bereits zur nächsten Intensivwoche angemeldet bin, diesmal aus urlaubstechnischen Gründen leider ohne meinen Mann. Karolina isst weiterhin mit dem Löffel und trinkt aus dem Trinkbecher (obwohl das den Therapeuten nicht gefällt), damit sie satt wird und nicht abnimmt. Wenn sich ihre Zungen- und Mundmuskulatur durch die Mundübungen entsprechend weiter gestärkt hat, lernt sie beim nächsten Mal richtiges Saugen, was aber nicht bedeutet, dass sie wieder über die Flasche ernährt wird. Auch mit Sprachanbahnung wir dann wohl begonnen. Karolina kugelte schon in der Mitte der Intensivwoche durch den Raum - vom Rücken auf den Bauch und zurück! -, oft an Blumenstöcke um dort Blätter abzureißen, sie rollt sich oft auf den Bauch und stütz sich dann wesentlich länger auf den Unterarmen, hebt schön den Kopf dabei und greift auch selten mal etwas. Man kann sie nun hinhocken und sie bleibt kurze Zeit selbstständig sitzen, bevor sie umkippt. In der Woche nach der Intensivtherapie schloss sie nach fast jedem Löffel Brei den Mund, wenn sie ihn dann auch manchmal nicht gleich wieder aufmachen wollte. Ihre Zunge bewegt sich anders und sie lautiert auch anders, brabbelte sogar einmal deutlich "Papa". Ebenso fing sie in dieser Woche beim schwimmen an, mit den Händen ins Wasser zu patschen.

Mittlerweile (nach ca. 5 Wochen) haben die Erfolge wieder ein bisschen abgenommen, d.h. Karolina fängt wieder an mit offenem Mund zu essen. Ich gehe aber davon aus, dass wir uns das selbst zuzuschreiben haben, weil wir im momentanen Stress ein bisschen nachlässig mit dem Turnen und der Mundtüte sind, obwohl die Übungen wirklich sehr wenig Zeit in Anspruch nehmen. Dafür stützt sich Karolina derzeit auf einem Keilkissen enorm lang auf Unterarmen oder auch Händen ab.

Wir finden, Karolinas Allgemeinzustand hat sich verbessert und es war einfach gut, sie mal von anderen Therapeuten anschauen zu lassen und neue Ideen zu bekommen. Außerdem war der Aufenthalt zwar stressig, aber auch angenehm, weil einem einfach bewusst wurde, dass man nicht alleine ein besonderes Kind hat.

Da die Übungen zu Hause wirklich nicht aufwändig sind und trotzdem Erfolge erzielt werden können – vorausgesetzt man ist konsequent -, kann ich diese Intensivtherapie also nur weiterempfehlen.

Karolinas Mama (Dezember 2006)

Karolina (2 1/2 Jahre)

Ein Bobbycar verbindet

Wie es der Zufall, oder der Postbote so wollte, landete an einem der ersten sonnigen Apriltage ein Brief in unserem Briefkasten. Allerdings war dieser nicht für uns, sondern für unsere Nachbarin, zwei Häuser weiter. Unsere Mission als Postboten aufnehmend, sind Karolina (2,5 Jahre) und ich (ihre Mama) also zu den Nachbarn marschiert, um den Brief seinem eigentlichen Empfänger zu übergeben.

Da wir noch nicht sehr lange in dieser Gegend wohnen, kennen wir unsere Nachbarn noch nicht so gut und hatten diese in der Herbst- und Winterzeit sowieso wenig gesehen. Aufgeschlossen wie Karolina ist, hat sie allerdings sofort das Herz unserer Nachbarin erobert, weil sie zu ihr auf den Arm und schmusen wollte. Sogar ein Küsschen hat sie ohne Aufforderung herausgerückt. Vom Besuch angezogen, liesz sich bald auch Lukas, der 7-jährige Sohn der Nachbarn, blicken. Seine erste Frage war: „Was hat´n die am Ohr?!“ Hörgeräte, klärte ihn sein Vater auf, der gerade bei der Gartenarbeit war. Die trägt Karolina nämlich. Eigentlich auch eine Brille, aber die lag zu Hause, weil Karolina sie öfter mal abnimmt und ankaut. Lukas war mit dieser Antwort zufrieden. Seinen Pfeil und Bogen, mit denen er sich gerade vergnügt hatte, beiseite legend, fing er an, Karolina mit irgendwelchen Tüchern und Lappen zu beschäftigen, während ich mich mit seinen Eltern im Garten unterhalten konnte. „Die nimmt ja alles in den Mund. Und warum macht die denn so „haha“ ?“ fragte Lukas. Karolina erzählt so, sie kann noch nicht reden. „Kann die laufen?“ wollte der Steppke dann wissen. Ich erklärte ihm, dass sie an der Hand laufen könne. Im Bärengang laufend frage Lukas dann wieder: „Kann die auch so?“ Nein, das kann Karolina nicht, auch nicht krabbeln, nur robben. Dem Jungen fiel überhaupt nicht auf, dass Karolina eine Behinderung hat, für ihn war sie einfach nur ein Kind, das jünger ist als er. Das brachte ihn jedoch auf die Idee, Karolina auf seinem Trettraktor mitzunehmen. Auf den Vorschlag seiner Mutter hin, nahm er Karolina dann auf den Schoß, nicht ohne dass wir Frauen schützend nebenherliefen, und trat munter in die Pedale. Seine kleine Beifahrerin fand diese Aktion nicht übel, klammerte sich am Lenkrad fest und wusste vermutlich gar nicht recht was geschah, aber es gefiel ihr trotzdem. Auch wenn sie zusehends rutschte und fast im Spagat saß. Lukas war großzügig und wollte Karolina selbst Traktor fahren lassen. Er meinte es ja wirklich gut mit ihr, aber ich erklärte ihm, dass sie das nicht könnte und mit den Füßen überhaupt nicht an die Pedale reichte, schob sie aber unter größtem Gejuchze ihrerseits auf dem Traktor die Straße hinab. Plötzlich erschien Lukas trotz seiner 7 Jahre auf seinem alten Bobbycar samt Anhänger. „Kann die mitfahren?“. Das konnte sie! Karolina wurde rückwärts in den Hänger gesetzt und Lukas fuhr mit ihr auf seinem Bobbycar kniend die Straße rauf und runter. Wir Mütter mussten beide herzlich lachen, weil es ein herrliches Bild war, wie die beiden sich so toll miteinander beschäftigten und der Große die Kleine in sein Spiel mit einband. Karolina saß stocksteif wie eine Puppe im Hänger und verlachte sich, wenn ihr Chauffeur um die Kurve fuhr. Denn die Fliehkraft zu spüren ist für sie stets ein Highlight. Die Mutter von Lukas bot Karolina dann das zweite Bobbycar aus Lukas´ Besitz an und Karolina zeigte wild, dass sie darauf sitzen wollte. Zu Hause darf und will sie immer auf dem Staubsauger fahren, allerdings muss man da ja auch nichts selbst tun. Ihr ist es im Allgemeinen viel lieber, wenn sie nichts selbst tun muss. Auf dem Bobbycar sitzend ruckte sie dann mit dem Oberkörper vor und zurück. Eigentlich clever, diese Taktik, wenn man bedenkt, dass sie zumindest bei ihrem Schaukelpferd funktioniert. Da sprach Lukas sie erstmals direkt an, weil er bemerkte dass Karolina wohl nicht fahren konnte: „Ey Karolina, das geht so!“ meinte er, parkte neben ihr und lenkte wild mit dem Lenkrad, bevor er davon fuhr. Lukas bemerkte nicht, dass sie ihm nicht aufmerksam nachschaute, sondern nur mit den Daumen die Hupe betätigte. Doch nach kürzester Zeit war er wieder mit dem gleichen Wortlaut neben ihr: „Ey Karolina, das geht so – guck!“ Demonstrativ mit beiden Beinen sich anschubsend fuhr Lukas davon, ohne von seiner kleinen Schülerin großartig beachtet zu werden. „Na ich kann sie ja auf meinem Hänger nach Hause fahren, dann komm ich zurück und fahre ihr ihr Bobbycar heim“, schlug Lukas dann hilfsbereit vor, als er merkte dass Karolina noch immer nicht fuhr. Dazu kam es allerdings nicht, denn der kleine Mann hatte nach so viel Fahrerei plötzlich Hunger und wäre ohne diesen wohl auch nicht von der Straße weg zu kriegen gewesen. So traten Karolina, ihr Papa, der mittlerweile dazugekommen war, und ich, den Heimweg an. Allerdings nicht, ohne dass wir Mütter uns für die nächste Woche zum Kaffeetrinken verabredet hatten.

Es war ein herrliches Erlebnis für unsere Familie, bei dem schön zu sehen war, dass auch unterschiedliche Kinder, bzw. Menschen durchaus zueinander finden können, wenn sie wollen und gelassen werden.

Karolinas Mama Monika (April 2008)

Karolina 4 Jahre

Karolina (4 Jahre)

"Deutschland sucht den Superstar"

oder: die Gartenschau und ihre Gesichter

Heute schreibe ich mal selbst oder besser gesagt – ich lasse schreiben. Das macht man nämlich so als Star, da tut man nicht mehr viel selbst. Also habe ich Mama als Sekretärin engagiert. Ja, ja, ihr habt schon richtig gelesen. Ich bin unter die Stars gegangen. Und wie es dazu kam, erzähle ich euch jetzt:

Hier in Kaiserslautern gibt es die Gartenschau, deren Saison ab April beginnt. Deshalb war Anfang Januar auch ein Bericht in der Tageszeitung. Darin stand, dass die Gartenschau mit einer neuen Plakataktion werben will und dass dafür Personen gesucht werden. Kinder, Gruppen, ältere Menschen, ganz egal wer. Auch wurde erwähnt, dass der integrative Aspekt keine geringe Rolle spielt. Man musste sich nur mit einem Foto bewerben und begründen, warum man die Gartenschau toll findet. Das alles hat meine Mama gelesen und sich gefragt, ob man auch ein behindertes Kind für solch eine Aktion auswählen würde (immerhin gehört unsere Gartenschau seit neuestem zum überwiegenden Teil der Lebenshilfe). Und dann wollte sie es genau wissen, hat "dem Teufel auf den Kopf getreten" wie man bei uns so schön sagt, und für mich eine kurze Bewerbung geschrieben – die ich natürlich mit meinem Handabdruck unterschreiben durfte – und ein Foto aus dem Kindergarten hingeschickt. Immerhin sollte ja jeder Bewerber als Dank eine Tageskarte für die Gartenschau bekommen und das alleine wäre es schon wert gewesen.

Bewerbung

Dann aber erwischte uns alle nacheinander die Grippe und wir hatten die Plakataktion auch schnell vergessen. Doch plötzlich rief jemand von der Gartenschau an und sagte, dass man mich aus mehr als hundert Bewerbungen ausgewählt hätte. Ich sollte mit einigen anderen Kindern zusammen fotografiert werden und auf ein Plakat kommen. Das war dann irgendwie doch überraschend. Mama hat aber gesagt, dass sie nicht wüsste ob ich bei dem Fototermin dabei sein könnte, weil ich ja krank war.

Als der große Tag dann da war, ging es mir zwar besser, aber nicht richtig gut. Ich hatte gar keine so große Lust mich fotografieren zu lassen. Auch noch in Sommerkleidung.... und das im Februar! Mama hatte sich schon gefragt, wie die bei mir die ganze Winterblässe wegschminken wollen. Na ja, ich durfte jedenfalls im Fotostudio in die Maske, wo mir eine Frau das Gesicht mit einem Schwämmchen abgepudert hat. Das war schon ein bisschen lustig. Vor allen Dingen hatte die so ein Döschen mit einem Spiegel drin und auf Spiegel stehe ich total! Leider hat Mama dazwischengefunkt, als ich den Spiegel ablecken wollte – sie sieht aber auch fast alles! Außerdem hatte die Frau einen Kamm und ich liiiiiiebe Kämme!!! Ich weiß schon dass sie zum Haare kämmen sind, aber viel besser finde ich es ja, die Zinken an den Zähnen zu reiben, das fühlt sich wunderbar an und macht immer "rtsch, rtsch". In der Maske durfte ich das aber auch nicht. Mama sagt, das darf ich nur mit meinem eigenen Kamm. Schade!

Nachdem ich dann ein bisschen auf Mamas Schoß gesessen und beim Fotografieren zugesehen hatte, brachte sie mich zu den anderen Kindern. Die waren alle älter als ich und auch nicht behindert. Ich mag andere Kinder sonst gerne, aber an dem Tag wollte ich viel lieber bei Mama bleiben. Immerhin waren da lauter Fremde und ein Mann hat da dauernd mit einem schwarzen Kasten vorm Gesicht rumgeblitzt. Schwarze Gegenstände sind mir eh etwas unheimlich. Da wollte ich mich gar nicht so gerne auf diesen mit Scheinwerfern hell beleuchteten Platz zu den Kindern setzen. Gemacht habe ich es dann trotzdem, denn die Kinder hatten auch einen Ball, der mich ein bisschen interessierte. Aber Mama habe ich nicht aus den Augen gelassen. Seit neuestem führe ich mich nämlich manchmal auf, als hätte sie mich schon mal ausgesetzt, klebe an ihrem Rockzipfel bzw. Hosenbein und mache Theater. Das funktioniert ganz gut, wenn man Aufmerksamkeit will!

Mama hat mich also nicht lange mitmachen lassen, weil ich das alles so blöd fand. Ich habe zwar nicht geweint, mich aber doch beschwert. Der Fotograf hatte jedoch Verständnis und war auch gar nicht sauer. Er sagte, ich hätte das sehr gut gemacht und dass Kinder und Tiere mitunter am schwierigsten zu fotografieren seien, weil sie immer das machen was sie wollen. Na logisch, seit wann lasse ich mir denn was vorschreiben?!

Nach ein paar Wochen wurden wir dann zu einem Termin eingeladen, an dem die Plakate der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Mama hat mich morgens für den Kindergarten – ich war ja wieder gesund – extra gut angezogen und in mein Kontaktbuch geschrieben, dass ich mich beim Essen nicht so bekleckern soll. Kurz vor Mittag hat sie mich abgeholt. Ich bin dann sogar dem Chef der Lebenshilfe und dem Oberbürgermeister der Stadt Kaiserslautern begegnet. Und das Fotografenteam war auch da und hat mich noch gekannt!

Mama war ganz überrascht, dass ich trotz dem ganzen Geschimpfe auf dem Plakat doch ganz fröhlich aussah. Es war auch gar nicht schlimm, dass ich ein wenig blass war und man sieht auch gar nicht dass ich ein bisschen krank war. Allerdings schaue ich nicht in die Kamera, sondern zu meiner Mama die an der Seite stand. Mich haben die vorgestellten Plakate auf der Leinwand nicht sonderlich interessiert. Aber wie jeder andere Teilnehmer, habe ich mein eigenes Plakat in Kleinformat geschenkt bekommen. Das hat mir gut gefallen, denn ich habe mich darauf erkannt! Und es hängt nun hoffentlich bald gerahmt in meinem Zimmer. Außerdem habe ich für mich und meine Familie auch eine Jahreskarte für die Gartenschau bekommen. Das ist eine tolle Sache und es wird bestimmt lustig, wenn wir bei schönem Wetter zusammen hinfahren. Vielleicht nehmen wir ja auch mal meinen Nachbarn Lukas mit oder die Familien aus dem Kindergarten, mit denen wir manchmal was unternehmen?

Als dann noch einige Wochen vergangen waren, ist Mama auch viele Male von Bekannten angesprochen worden, die mich auf den Plakaten erkannt hatten. Da wussten wir dann, dass die Plakate aushängen und Mama war natürlich sehr stolz auf mich! Sie und Papa sind extra zu einem Plakat hin gefahren um mich zu bewundern. Und das, obwohl sie mich doch jeden Tag zu Hause sehen!

ogar im "Willi" war ich mit dem Kinderplakat und einem Bericht drin! Das ist ein kostenloses Magazin, das an diversen Stellen in der Stadt ausliegt und zum mitnehmen ist. Als Mama das hörte hat sie sofort ein Exemplar besorgt, denn das will sie für mich aufheben, damit ich es mir später, wenn ich groß bin, ansehen kann.

Zum guten Schluss hat sogar noch der Radiosender "Antenne Kaiserslautern" angerufen und wollte mich sprechen. Mama musste ganz schön schmunzeln! Die kannten mich ja nicht und wussten deshalb auch nicht, dass ich meine eigene Sprache habe. Und Gesten kommen im Radio ja nicht so gut rüber. Also hat meine Mama einfach gesagt, ich wäre nicht sehr gesprächig und wurde dann an meiner Stelle mit einem Werbespruch für die Gartenschau vom Sender aufgenommen. Immerhin haben sie mich darin namentlich erwähnt.

Aber ob ich jetzt wirklich ein Star werden will, überlege ich mir noch einmal. Denn eigentlich spiele ich ja viel lieber, als mich andauernd fotografieren zu lassen. Und wenn man da ja doch keine Spiegel und Kämme ablecken darf...

Aber wenn wir ab und zu mal an "meinen" Plakaten in Kaiserslautern vorbei fahren sagt Mama immer: "Schau mal, da bist du drauf Karolina!"

Aufgezeichnet von Monika Mama von Karolina (Juli, 2009)

Fotoalbum