Letzte Änderung: 01.12.2008

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Anna 6 Jahre alt

Anna (6 Jahre)

Zu diesem Brief gibt es Fortsetzungen:
So schnell vergeht die Zeit: (Anna 9 Jahre)
Jetzt ist sie 13: (Anna 13 Jahre)
Mein Name ist Ruth. Meine Schwester heißt Anna.: (Anna 14 Jahre)

Anna wurde 1994 (an einem Freitag den 13.) durch Kaiserschnitt geboren. Sie bekam kaum Luft, es wurde eine Zwerchfellhernie festgestellt, mit der Folge, dass der linke Lungenflügel sich nicht entfalten konnte und Organe aus dem Bauchraum sich dorthin verschoben hatten. Sie wurde noch an ihrem Geburtstag im nächst erreichbaren Uni-Krankenhaus operiert. Zur Überraschung aller Ärzte erholte sie sich sehr schnell, 3 Wochen nach ihrer Geburt war sie zuhause. In dieser Zeit wurde von ihr eine Chromosomenuntersuchung durchgeführt, die das Resultat Cri-du-Chat-Syndrom ergab.

Ich gebe zu, die Zeit ab ihrer Geburt bis einige Monate danach, ist mir als absoluter Horror im Gedächtnis geblieben. Alles kam zusammen: Kaiserschnitt, die Sorge um ein schwerkrankes Kind, die Notwendigkeit, sich mit einer Zukunft mit einem schwerbehinderten Kind auseinandersetzen zu müssen. Über das Gespräch der Diagnosemitteilung will ich lieber schweigen. Im nachinein kann ich die hilflose Haltung auch der Ärzte besser verstehen. Informationen über das Syndrom waren spärlich zu finden und äußerst negativ, was das ganze durchaus nicht erleichterte.

Anna war ein schwieriges Baby. Sie schrie - wie es mir schien, ununterbrochen, schlief maximal 2 Stunden am Stück, trank schlecht und nahm kaum zu. Dazu musste sie ständig irgendwelche Infektionen durchmachen, die ihre 2 Jahre ältere Schwester anschleppte. Ein Leistenbruch, im 4. Monat aufgetreten, klemmte dann im 9. Monat ein und sie musste nochmals notoperiert werden.

Über die "LEONA"-Gruppe, die sich damals zu formieren begann, bekamen wir erstmals Kontakt zu ebenfalls betroffenen Eltern. Und siehe da, die ersten Anrufe klangen tröstlich: "Bei uns war das auch so - das gibt sich, wenn das Kind älter wird, so ab einem halben Jahr wird alles besser". Und so wars dann auch. Anna hat mit 4 Monaten angefangen zu lächeln und bis Ende ihres ersten Lebensjahres konnte sie so herzhaft lachen, dass damit ihre ganze Umgebung "angesteckt" wurde und wird.

Als Anna ca. 3 Monate alt war, begann der "Therapiestress": Krankengymnastik, Frühförderung, später Ergotherapie und Logopädie. Immer mit von der Partie: die knapp zwei Jahre ältere Schwester Ruth. Diese betrachtete ihre Schwester als durchaus interessantes und ihren Alltag bereichendes Wesen, die Therapien fand sie äußerst anregend und war in der Folge für alle häuslichen Fördermaßnahmen der "Motor". So hat Anna all ihre "Wachphasen" tagsüber auf dem Fußboden zugebracht, abwechselnd "genudelt", "beturnt", mit Spielzeug zugeworfen oder sich selbst überlassen.

Ihre Entwicklung verlief (verläuft) äußerst langsam. Sie konnte sich zwar schon früh in Bauchlage aufstützen und hin und herrollen, gerobbt ist sie dann erst mit ca. 1 1/2 Jahren, gekrabbelt mit 2 Jahren. Freies Sitzen ging erst mit der Krabbelphase. Zum Freien Gehen hat sie dann noch einmal 2 Jahre gebraucht. Frei Stehen kam erst nach dem freien Gehen.

Ihr Schlafrhythmus in den ersten Jahren blieb bei maximal 2 Stunden Schlaf am Stück, dann mindestens wieder 2 Stunden wach. Das hat sich erst nach und nach gebessert und ist auch heute noch nicht O.K. Sie und ich haben aber gelernt damit umzugehen, und so stehen wir eben schlaflose "Vollmondphasen" einfach etwas übermüdet durch.

Anna ist heute mit ihren fast 7 Jahren ein sehr fröhliches und angenehmes Kind. Sie ist sehr mitteilungsbedürftig, "erzählt" den ganzen Tag - auch wenn sie nur wenige Worte spricht - und diese auch nicht immer zielgerichtet. Man merkt deutlich: Lautieren ist ihr wichtig, gesprochene Sprache nicht. Sie nutzt ihre Mimik, Gesten, zunehmend auch Gebärden, soweit sie mit ihrer eingeschränkten Feinmotorik in der Lage ist, diese anzuwenden. Sie versteht ihre täglichen Abläufe und versucht sich entsprechend einzubringen, z.B. wirft sie eigenständig alle Plastiktüten, die sie findet, in den Müll (leider auch Sichthüllen und andere Dinge, die durchaus von Nutzen sind). Sie geht gerne zur Schule und schätzt einen geordneten Tagesablauf Laute Gesellschaften (mit und ohne Kinder) sind ihr ein Gräuel. Dabei schätzt sie Abwechslung in Form von Ferien andernorts oder Ausflügen durchaus.

Unser Familienleben ist durch sie unbestreitbar verändert worden. Wir, ihre Eltern und ihre Schwester haben gelernt, Anna als Anna zu lieben; ihren Charme und ihre Wärme zu genießen und mit den Einschränkungen, die das Leben mit ihr mit sich bringt, zu leben.

Der Kontakt zu anderen Eltern, von unseren ersten zaghaften Anrufen, bis zur aktiven Mitarbeit beim Aufbau des "Fördervereins für Kinder mit Cri-du-Chat-Syndrom", hat uns immer sehr geholfen, hilft uns immer noch, gibt uns Hoffnung für die Zukunft. Die absolut negative Prognose hinsichtlich ihrer Entwicklung am Anfang ihres Lebens hat sich nicht bewahrheitet und wird sich nicht bewahrheiten.

Annas Mutter Agnes (Dezember 2000)

Anna (9 Jahre)

So schnell vergeht die Zeit

Anna ist jetzt 9 Jahre alt. Eigentlich bald schon 9 1/2. So schnell vergeht die Zeit. Sie ist ca. 120cm groß und etwas über 18 kg schwer. Ein Strich in der Landschaft!

Seit es so schön und vor allem so warm geworden ist, verbringt sie ihre Freizeit auf der Liege im Garten. In voller Sonne versteht sich. Von Schatten hält sie nichts. Und fährt die Mama die Liege in den Schatten, legt sie sich eben auf die heißen Steine, oder auf das letzte sonnige Stück im Rasen. Nach so einem Sonnenbad fühlt sie sich richtig warm an, Überall. Sogar an Händen und an den Füßen. Mir scheint sie somit zu den wechselwarmen Wesen zu gehören. Je nach Wetter und Jahreszeit warm oder kalt. Meistens eben kalt. Wenn ich dann Kopfweh habe, nehme ich ihre Hände und lege sie mir an die Schläfen. Das tut richtig gut.

Anna besucht seit 3 Jahren eine Sonderschule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Es ist eine besondere Schule, in der gebärdenunterstütztes Lernen, ja eigentlich sogar: Leben, praktiziert wird. Alle gebärden sie dort: die Lehrer und Erzieher, die Praktikanten und Zivis und vor allem: die Kinder. Wenn man die Schule besucht, kann man es erleben: es wuselt: Kinder groß und klein, die miteinander spielen und sich unterhalten, mit allem, was sie zur Verfügung haben: Händen, Armen, Mimik, unterstützt durch Sprache oder die Laute, die sie eben äußern können. Viele sind dabei mit einer Hörbehinderung bis hin zur Taubheit, der Grad ihrer geistigen Behinderung ist verschieden, aber alle machen mit. Seit ich diese Atmosphäre erlebt habe, kann ich verstehen, warum Anna so richtig erst selbst gebärdet, seit sie dort zur Schule geht. Der ganze (Schul-)Alltag ist durch Gebärden geprägt, gegenüber den wenigen, fast armseligen situationsbezogenen Gebärden dahein!

Anna liebt ihre Schule. Und das Busfahren dorthin. Ihre Gruppe ist mit 4 Schülern klein. Sie genießt dies sehr. Sie hat so interessante Schulfächer wie z.B. Trampolin-Springen, Schwimmen, Airtramp (ein riesiges Luftkissen), Bauernhof besuchen, Kochen usw., die ihre Schwester und deren Freunde so richtig neidig machen. Und: sie hat nie Hausaufgaben. Was für ein herrliches Schülerdasein! Natürlich hat sie auch „normale“ Schulfächer. Lebenspraktische Übungen gehören selbstverständlich dazu. Jedes Kind hat dabei Aufgaben zu erfüllen. Annas Aufgabe war eine Zeitlang das Abwischen des Tisches nach dem Frühstück. Sie hat dies wahrlich verinnerlicht. Seither ist kein feuchter Lappen bei uns in Küche und Bad mehr vor ihr sicher. Alles wird gewischt - wirklich alles. Und ist der Lappen mal nicht feucht, wird er eben angefeuchtet. 100%ig. Sie ist jetzt so groß, dass sie den Hebelmischer aufdrücken kann. „Auf“-ja, „Zu“ zwar auch, aber das scheint ihr unbedeutend zu sein. Schule ist, wie gesagt, ihre Lieblingsbeschäftigung. Aber übers Wochenende ist sie auch gerne daheim. In der Regel sucht sie sich dann am Morgen jemand, der noch im Bett liegt und bleibt dort, bis dieser aufsteht. Dabei hat sie Prioritäten: haben wir oder ihre Schwester Übernachtungsbesuch, bekommt erst mal dieser ihren „Bettbesuch“. Dann ich (ärgerlicherweise der Frühaufsteher der Familie), dann die Schwester, und wenn gar niemand sonst da ist, ist auch der Papa recht. Sie erwartet keine große Aktion, lediglich, dass man sie (und ihr jeweiliges „Rumtragetier“, meist eine Didl-Maus) sehr eng, Rücken an Rücken, duldet. Etwas später dann die nächste Leidenschaft: das Fernsehen. Am liebsten und ausschließlich Teletubbies, stundenlang. Ein bischen zugucken, etwas spielen, ein bischen gucken ... Da Teletubbies auch ihrer Verdauung gut tun, sprich für eine gefüllte Windel sorgen, lassen wir sie gewähren (Klos hält sie für eine ziemlich überflüssige und mehr als lästige Einrichtung eines Hauses). Das geht so lange bis ihre Schwester meutert. Ihre Schwester: nach mir, ihrer Mama, schätzt sie ihre Schwester am meisten. Manchmal habe ich den Eindruck, sie betrachtet sie als so eine Art Mama-Ersatz. Aber nicht ganz und in allen Belangen. Diese darf sie zwar trösten, wenn die Mama mal wieder geschimpft hat, sie darf sie duschen, anziehen, die Windeln wechseln oder ihr etwas zu essen geben. Sie hat aber auch verstanden, dass die Schwester ein Mitglied der Familie ist, das ebenfalls gelegentlich geschimpft wird, wie sie, und eben nicht alles darf. So wie sie. Also braucht man ihr z.B. nicht zu gehorchen, streckt ihr anstatt dessen die Zunge heraus. Und jetzt beschäftigt sich diese Schwester zunehmend mit Dingen und Freunden, die Anna auch (oder: deswegen) interessant findet. Dass sie hierbei stört, wird ihr sehr deutlich gemacht. Das gefällt ihr überhaupt nicht und dieser Konflikt lässt sich nicht immer zu aller Zufriedenheit regeln.

Anna hat wenige Worte. „Papa“, „Mama“, „Uuuuu“ - für ihre Schwester Ruth, und ansatzmäßig lautmäßig richtige Bezeichnungen für Leute, die ihr wichtig sind. Dabei redet sie den ganzen Tag über (und manche Nachtstunde!) sehr viel, singt, erzählt oder tut als ob sie schimpft. Sie ist überwiegend sehr fröhlich und ausgeglichen, das Leben macht ihr Spaß und sie zeigt dies auch. Sie kann sich sogar sehr lange alleine beschäftigen. Dabei beobachtet sie sehr genau, aus dem Augenwinkel, was um sie vorgeht und ahmt nach. Dass manche Handlungen einen Zweck verfolgen, versteht sie nicht oder es interessiert sie nicht. So kommt sie, wenn ich Koche, in die Küche und macht geschäftig lachend und schwatzend Schubladen und Schranktüren auf und zu. In der Regel sogar, ohne etwas herauszuholen. Heiße Herdplatten faszinieren sie - seit Jahren. Ich muss ständig auf der Hut sein, dass sie nicht ihre Hand darauf legt. Oder sie versucht z.B. mein Labtop zu öffnen, mit den gleichen Handbewegungen wie ich, hämmert freudestrahlend auf die Tastatur ein - seltsamerweise nicht zu meiner Freude.

Wir glauben nicht, dass ihre Sprachentwicklung noch große Fortschritte machen wird. Schon lange hat sie elektronische Geräte für die Unterstützte Kommunikation um sich. In letzter Zeit benutzt sie ihren Go-Talk immer zielgerechter. In der Schule wird er verwendet, um im Unterrichtsstoff Aussagen der Kinder zu initiieren. Z. B. zum Thema Wetter „hell“, „dunkel“, „neblig“, ...Daheim hat sie eine Standardbelegung von Handlungen, von denen wir glauben, dass sie ihr wichtig sein könnten. Der wichtigste Taster, von ihr sofort akzeptiert : „ich will fernsehen“. „Ich will essen“ wird ignoriert. Aber „ich will schlafen“ wird schon mal verwendet. Und seit neuestem sucht sie Tasten um etwas auszudrücken, was sie will. So nutzt sie „ich will Bus fahren“ schon mal als Aufforderung zum Schaukeln und „komm und hilf mir“ wird immer öfter, unterstützt durch Gebärden, verwendet.

Seit Anna in die Schule geht, haben wir ziemlich schnell alle Therapie-Sitzungen, die sie hatte, eingestellt. Bis aufs Reiten.

Krankengymnastik wird in der Schule durchgeführt. Ihr Gangbild ist zwar weiterhin sehr unsicher, sie „stolpert“ aber erstaunlich gewandt über Hindernisse, bei denen ich denke, sie müsste darüber fallen. Sie kann im Prinzip Treppen (mit 1Hand halten) rauf und runter gehen. Manchmal kommt sie wochenlang mit einem beachtlichen Rundrücken daher, wie ein bucklig Weiblein, dann plötzlich geht sie wieder gerade. Früher haben wir versucht, mit viel Gymnastik hier etwas zu bewirken, mit dem gleichen Erfolg wie jetzt: sie bestimmt, wies weiter geht. Wir haben dies akzeptiert. Gemäß dem Sprichwort: „das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“.

Das Leben mit Anna verläuft derzeit in unserer Familie glatt und reibungslos. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ein sonniges Wesen hat. Es wird nicht einfacher, ihr Verstand nimmt nicht mit ihrer Körpergröße zu, sie kann die Gefahrenquellen im Alltag nicht einschätzen. Wir genießen den Vorteil, dass ich zuhause sein kann. Vorläufig können wir gelassen abwarten, was uns die Zukunft bringen wird.

Annas Mama Agnes (Mai 2003)

Anna (13 Jahre)

Jetzt ist sie 13

Am 13. Januar ist Anna 13 geworden, ein Teenie also. Mit entsprechendem Selbstbewusstsein und Eigensinn. Periode hat sie schon seit 1 1/2 Jahren, auch im Aussehen ähnelt sie langsam einem Mädchen. Ansonsten muss ich mit durchaus ein wenig Wehmut zugeben, dass sie wohl zu den Cri-du-Chat-Leuten gehört und gehören wird, die wenig "praktische Alltagsfähigkeiten" haben. Sie kann sich weder alleine Anziehen, Waschen/Duschen, und die Sache mit dem WC ist ein Spiel, dass man manchmal mit Mama spielen kann - nicht zu oft, es könnte sonst gewohnheitsmäßig abverlangt werden! Sie isst gerne und ausreichend, kaut aber weiterhin nicht. Ihre Lautsprache ist seit Jahren unverändert, hat sich also nicht mehr weiterentwickelt. Sie gehört selbst in ihrer Schule zu den eher Schwächeren. Im letzten Schuljahr war sie in einer Gruppe mit 3 ziemlich aufgeweckten Buben. Durchaus mit der Absicht, diese sollten sie ein bischen animieren, mehr zu tun. Sie hat auch gelernt: nämlich sich geschickt allen möglichen Anstrengungen zu entziehen. Und das mit derartiger psychologischer Raffinesse, dass ihr deshalb niemand böse sein kann. Ihr hierzu eingebrachter Körpereinsatz und die dazugehörige Mimik läßt die besten Schauspieler alt aussehen. Jetzt ist sie in einer Klasse mit schwächeren Schülern, ich denke, es gefällt ihr ganz gut so, sie macht weiterhin die Dinge, die sie will - und die anderen nicht. Die Beobachtungs- Einschätzungs- und Aufmerksamkeitsfähigkeiten, die sie braucht, um mit diesem Verhalten angenehm durchs (Schul-) Leben zu kommen, sind erstaunlich weit entwickelt. Kurz, sie ist weiterhin ein sehr fröhliches Kind mit verschmitztem, entwaffnendem Lächeln und Lachen. Denn das Leben ist Spass, Spielen, Faulenzen und allgemein ein Witz! Und ganz ehrlich, wir tun alles dafür, dass es für sie auch so bleibt.

Gelegentlich nimmt ihre Schwester Ruth sie mit zu einem Spaziergang durch die Stadt. Sie gehen dann gewöhnlich an Meersburgs Touri-Promenade ein Eis essen. Glücklicherweise ist es uns und ihren Lehrern gelungen, ihr den herzhaften Schlag, mit dem sie früher alle begrüßt hat (viele Besucher unserer Jahrestreffen, vor allem Väter, werden sich schmerzhaft daran erinnern), im Großen und Ganzen abzugewöhnen. Was sie sich aber nicht nehmen läßt ist, dass sie Leute, die sie begrüßen möchte "antatscht", natürlich in voller Freundschaft. Ruth nutzt dies zu gesellschaftlichen Studien - und zum Ergattern einer sich schnell leerenden Promenadenbank. Seltsamerweise passiert mir dies, wenn ich mit Anna unterwegs bin, weniger. Im Gegenteil, viele fremde Urlauber sprechen mich an und erzählen von eigenen Kindern, Verwandten und Freunden, die ebenfalls ein Handicap haben. In unserer Gemeinde fühlen wir uns weiterhin bestens toleriert.

Mehr gibts über Anna eigentlich nicht zu sagen. Sie fischt weiterhin alle Viren und Bakterien auf, deren sie habhaft werden kann. Ihre ständige Verstopfung haben wir einigermaßen im Griff. Ihre hohen, festen Schuheinlagen ist sie auch los geworden - orthopädisch zwar für gut empfunden, hat sie das Laufen einfach auf das absolut Notwendigste beschränkt. Jetzt versuchen wir es mit einer "sanfteren" Sorte. Ihren "Gotalk" zuhause benutzt sie weiter - allerdings nur für ganz bestimmte Situationen. Den "Step-by-Step" hat sie uns abgewöhnt. Dasselbe versucht sie hartnäckig mit dem Kommunikationsbuch. Und so kanns passieren, dass, wenn ich sie auf den am Tag erfolgten Besuch im Kuhstall anspreche, das Buch mir sofort aus der Hand genommen und in der Schultasche verstaut wird, während, wenn der Papa abends nach Hause kommt und sie fragt: "na, was hast du heute gemacht?" er ein "Muuh" zu hören bekommt, verbunden mit der zugehörigen Gebärde. So ist das Leben eben mit Anna.

Annas Mama Agnes (April 2007)

Ruth und Anna (14 Jahre)

Mein Name ist Ruth. Meine Schwester heißt Anna.

Und Sie raten richtig: Sie "leidet" unter dem Cri-du-Chat-Syndrom. Im folgenden möchte ich einen kleinen Bericht über unser Leben abliefern (ich will eigentlich nicht wirklich, aber meine Mama hat mir Fronarbeit und die Kürzung meiner finanziellen Mittel angedroht wenn ich nicht ...).

Meine Schwester Anna ist jetzt 14 Jahre alt und einen Kopf kleiner als ich. Sie ist ziemlich dürr, mit langen Armen und Beinen und hat kurzgeschnittene, meist ziemlich zerzauste Haare. Durch ihren leicht nach vorne gebeugten, schwankenden Gang wirkt sie manchmal wie ein überdimensionaler Pinguin. Ihre Kleidung besteht immer aus mehr oder minder schlecht sitzenden Hosen und Sweatshirts, oft vor allen an den Armen zu kurz, und spätestens nach dem Frühstück bereits fleckig. Soviel zu ihren Äußerlichkeiten. Aber was wirklich zählt, liegt ja bekanntlich im Inneren: Anna erfreut sich meistens bester Laune, sie lacht viel und ist bereit, mit jedem, der ihren Weg kreuzt Freundschaft zu schließen. Auch ist sie überhaupt nicht nachtragend (selbst hinterhältigen Leuteschindern wie z.B. Zahnärzten, etc., gegenüber, verhält sie sich stets freundlich). Das heißt natürlich nicht, dass sie das gütigste und brävste Mädchen auf Gottes Erde ist. Sie hat durchaus ihre Launen und kann hin und wieder ziemlich lästig sein. Zudem hat sie die Kunst der stummen Schauspielerei perfektioniert. Wenn sie etwas von mir will, was ich ihr nicht gewähren will, dann setzt sie ihre, vorm Spiegel erprobte "Miese-hinterhältige-Schwester-ist-ungerecht-zu-armer-bemitleidenswerter-Anna"-Schnute auf und geht vor die höchste Instanz unserer Familie (unsere Mama). Leider zieht die Masche immer wieder!

Um einen besseren Einblick in unser Leben zu geben, werde ich jetzt den Ablauf an einem normalen Tag beschreiben: 7 Uhr. Da Anna und ich es vorziehen, auf den letzten Drücker aufzustehen, gibt es morgens immer einen Engpass in unserem kleinen Badezimmer. Nachdem Anna von meiner Mum aus dem Bett gezerrt wurde, schwankt sie schlaftrunken ins Bad und klammert sich, um nicht umzufallen, an alles und jedes, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Meiner Mutter fällt die Aufgabe zu, sie in die passende Kleidung zu zwängen. Wenn alle Kleidungsstücke an ihrem Platz sind und Anna ins Wohnzimmer verfrachtet wurde, besteht ihre erste Amtshandlung darin, zwei Kirschkornsäckchen aus ihrer Spielkiste zu holen und sie in der Mitte des Raumes zu platzieren (sonst macht sie nichts damit, aber wehe, es wagt jemand, diese wegzunehmen, dem wird nämlich sofort die Hölle eingeheizt). Nach der Aufnahme und dem Beladen ihres Lieblingsspielzeugs, einer ständig verlutschten und entsprechend geruchlich belasteten Stoffeinkaufstasche, deren notwendiger Waschprozess regelmäßig zu einem Drama führt, ist sie dann bereit, das Frühstück einzunehmen - Haferschleim!!!  (Wenn ich ihr, zugegeben selten, in den Ferien Frühstück mache, bekommt sie wenigstens Schoko-Müsli!) Dann gehen wir unterschiedliche Wege und vor allem in unterschiedliche Bildungseinrichtungen, ich ins Gymnasium und sie in eine Behindertenschule. Abends, nach der Schule, sind wir meist mit unseren eigenen Interessen beschäftigt, außer wenn wir zusammen Schaukeln und Schmusen. Aber diese scheinbare Eintracht trügt: Wir tragen verdeckt oder offen erbitterte Kämpfe um das Fernsehmonopol aus. Ich, um echt coole Filme zu sehen, sie, um einen Video mit dem absolut bildgewordenen Grauen anzusehen (Teletubbies!).

Eine behinderte Schwester zu haben hat viele Vorteile. Zum einen zieht sie die Aufmerksamkeit meiner Eltern auf sich, die sich dann naturgemäß weniger in meine privaten Angelegenheiten einmischen. Wenn man ansonsten das Bedürfnis nach Mitleid und Anteilnahme hat, muss man nur von seiner Schwester erzählen und man bekommt mehr, als man haben will. Wenn man zu einer total ätzenden Veranstaltung nicht gehen will, kann man auch immer sagen: "T'schuldigung, aber ich muss auf meine behinderte Schwester aufpassen" - und niemand ist böse. Und wenn man sich, wie üblich unter Geschwistern, zofft, kann man sich hinterher immer als intellektueller Sieger fühlen. Und nicht zuletzt, wenn man sich im Sommer im touristenverseuchten Meersburg eine der begehrten Parkbanken erobern will, muss man sich mit Anna nur zu einer Gruppe dazusetzen, dann hat man die Bank bald für sich allein.

Mehr gibts eigentlich nicht zu sagen. Ich hoffe, aus dem vorigen ist deutlich geworden: Ich habe den kleinen Kobold von einer Schwester schrecklich gern und würde sie nie gegen eine total gesunde Musterschwester eintauschen wollen! Denn Anna ist etwas ganz Besonderes.

Ruth , Annas Schwester (April 2008)