Letzte Änderung: 13.09.2008

Fördern - Fordern - Überfordern - Unterfordern

5p- Info-Brief 2000/1

 

Eine Gratwanderung von Geburt an für einen behinderten Menschen und seine Familie beziehungsweise seine Bezugspersonen.

Zu diesem "heißen" Thema wurden uns von euch zwei Artikel zugeschickt mit dem Vorschlag der (eventuell verkürzten) Wiedergabe. Wir greifen diesen Vorschlag auf und geben im folgenden eine Zusammenfassung beziehungsweise Auszüge dieser Artikel wieder.

Der erste Artikel ist überschrieben mit "Ich vertraue meiner Tochter", geschrieben von Iris Osswalt, erschienen in der Zeitschrift "Das Band" und "Zusammen" 2/2000. Zum Ausdruck kommt die persönliche Betroffenheit, das eigene Erleben und die Auseinandersetzung mit dem Thema:

Im Oktober 1996 kam ihre Tochter Maya zur Welt. Aufgrund eines schweren Herzfehlers und einer notwendigen Operation ist das Mädchen körperlich und geistig behindert. Für ihre Eltern beginnt das Zusammenleben mit einer Zeit voll verzweifelter Therapie-Anstrengungen um "das zu tun, was andere für richtig hielten". Der "Blick auf die Defizite" des Kindes steht im Vordergrund. Gymnastische Übungen, so oft wie möglich am Tag zu wiederholen. Bis Kind und Mutter streiken, die Partnerschaft belastet wird. "Innerhalb von zwei Monaten war ich die perfekte Krankengymnastin und Krankenschwester, ich lernte Magensonden-Legen, Maya wurde nach Anleitung angefaßt, nach dem vorgeschriebenen Vier-Stunden-Takt sondiert, für Spiel und Spaß blieb keine Zeit, wir mußten ja turnen. Außer meinem Mann interessierte sich keiner für meine Verzweiflung, für meine Tränen. ... Unser Leben funktionierte nicht mehr. Ich machte mich selber dafür verantwortlich. Las immer mehr Fachliteratur, um die perfekte Mutter für mein behindertes Kind zu werden. ... Maya zeigte uns ganz deutlich ihre Grenzen auf. Sie erbrach, wurde immer häufiger krank, streikte auf ganzer Linie."

Iris Osswald beschreibt dann den Weg zurück zu sich selbst und ihrer Tochter: Die Wende kommt für mit der zweiten Schwangerschaft, einem Umzug und dem Kontakt zu einer Frühförderstätte in Bonn, mit deren Hilfe sie lernten, ihren eigenen Weg zu finden. "Die Mutter in mir traute sich langsam wieder aus dem Dunkel ans Licht, lange hatte ich sie geknebelt."

Ihr Fazit: "Das, was jedes gesunde Kind braucht, nämlich bedingungslose Liebe, eigenen Rhythmus, Rituale, Zärtlichkeiten, Bestätigung und Lob, braucht auch ein behindertes Kind. Die Einstellung, daß es an behinderten Kindern stets etwas zu verbessern gibt und an den Eltern gleich mit, ist unwürdig. Wir als Erwachsene müssen gelegentlich unsere Erwartungshaltung überprüfen. ... Zwischen Maya und Pauline (ihrer Schwester) gibt es in unserer Familie eigentlich keinen Unterschied. Die eine ist nur anders als die andere und ich bin anders als sie und mein Mann ist anders als sein Bruder. Das bedeutet nicht, daß wir Mayas Behinderung ignorieren. Es ist einfach wie es ist, mehr nicht."

Nicht als Elternteil, sondern aus "professioneller" Sicht geht die Diplompsychologin und Psychotherapeutin Marlis Pörtner dieses Thema an in einem Artikel mit dem Titel "Fördern und Fordern - Gratwanderung zwischen Überforderung und Unterforderung", erschienen in "Geistige Behinderung" 1/2000.

Ihre Sicht ist nicht die Familie, sondern die Welt der "Betreuer", der Bezugspersonen von geistig behinderten Menschen in Heimen und Wohnstätten.

Die Kurzfassung dieses Artikels lautet:

Um ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten möglichst gut entwickeln zu können, ist es für Menschen mit geistiger Behinderung besonders wichtig, daß sie nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert werden. Einerseits sollten sie möglichst "normal" und selbstbestimmt leben können, andererseits brauchen sie in mancher Hinsicht Hilfe und Unterstützung. Es ist für die Begleitperson keine einfache Aufgabe, hier die angemessene Balance zu finden: sie muß bei jedem Menschen und in jeder Situation wieder neu gesucht werden, und das ist oft eine Gratwanderung, bei der subtile Nuancen entscheidend sind.

Sie versucht, sich in die Sichtweise geistig behinderter Menschen hineinzuversetzen, ihre Ängste zu erspüren, ihre Handlungen (auch Aggressionen) zu verstehen, Hilfen zu entwickeln und anzubieten.

Ihr Fazit:

"Was heißt denn fördern? Ich verstehe darunter nicht, Zielsetzungen für andere Menschen festzulegen (auch wenn sie uns noch so sinnvoll erscheinen mögen) und sie dann daraufhin zu trimmen, diese Ziele zu erreichen.

Fördern heißt für mich: Bedingungen schaffen, in denen Menschen Entwicklungsschritte machen können, aber nicht müssen.

Fördern heißt, der Eigenständigkeit eines Menschen Raum geben und ihm dabei behilflich sein, diese Eigenständigkeit auf für ihn konstruktive Weise zu leben.

Fördern heißt, Menschen in ihrem Tempo auf ihrem Weg begleiten und ihnen da Hilfestellung bieten, wo sie es brauchen.

Fördern heißt, einem anderen Menschen Erfahrungen ermöglichen - mit der Realität, mit sich selbst und mit anderen.

Fördern heißt, anderen etwas zutrauen.

Fördern heißt aber auch: Grenzen erkennen und respektieren - die eigenen, die des anderen, die der Institution."

Redaktion 5p-Info-Brief (2000)