Nachdem wir schon oft gehört hatten, wie gut Reiten bzw. Hippotherapie für Behinderte ist, haben wir im Frühjahr 1998 intensiv begonnen, uns nach einer Möglichkeit umzusehen.

Da Anja gut läuft, bzw. immer rennt, waren unsere Beweggründe für die Therapie mehr in Richtung Ruhe, Ausgleich und Abbau der Aggressivität gerichtet.
Was ist Hippotherapie eigentlich genau?
Mindestens 20-minütige, vom Arzt verordnete Einzelbehandlung auf dem Pferde. Der Patient, bzw. das Kind steigt mit Hilfe einer Rampe auf den Pferderücken auf. In der Hippotherapie wird kein Sattel benutzt, die Pferde haben nur Bauchgurte mit Haltegriffen. Vom Pferderücken ausgehende, dreidimensionale Schwingungsimpulse stimulieren Hüft- und Wirbelsäulengelenke. Das Kind macht bei verschiedenen Tempi und Richtungswechseln des Pferdes Bewegungsübungen, angelehnt an das Bobath-Konzept. Ziele: Normalisierung des fehlerhaften Muskeltonus, Verbesserung der Koordination, Verbesserung der Gleichgewichtsreaktion, Kräftigung der Muskulatur, Schulung der Wahrnehmung. Ein gut geschultes Hippotherapiepferd muss ausgeglichen, menschenfreundlich, geduldig und nervenstark sein. Sie müssen über eine solide Grundausbildung im Rahmen einer A-Dressur verfügen und eine spezielle Ausbildung im Bereich des therapeutischen Reitens haben. Sie müssen vertraut sein im Umgang mit Gehstützen, Rollstühlen, Lift und Aufstiegsrampen.
Es ist nicht so einfach den richtigen Hof zu finden, da zwar etliche Reiterhöfe die Therapien anbieten, diese aber nicht immer im Sinn und Ausbildung der richtigen Hippotherapie entsprechen. So haben wir oftmals Gruppenstunden vorgefunden, was aber eher dem heilpädagogischen Voltigieren entspricht. Die Hippotherapie ist eine Einzelsitzung. Es gibt auch sehr große Unterschiede in Art und Dauer der Therapie, sowohl im Umgang mit den Kindern als auch mit dem Pferd.
Es empfiehlt sich daher, falls die Möglichkeit besteht, mehrere Vereine bzw. Reiterhöfe anzusehen und auch mit Eltern vor Ort zu sprechen, die dort bereits die Therapie durchführen. Ebenso konnten wir Preisunterschiede bei ungefähr gleicher Leistung von bis zu 40.-DM pro Sitzung vorfinden (wichtig, da meistens die Hippotherapie mittlerweile nicht mehr von den Krankenkassen übernommen wird).
Nach etlichen Besichtigungen haben wir uns für die Einrichtung der Kinderhilfe in Oggersheim (zwischen Mannheim und Ludwigshafen), ca. 25 Autominuten von unserem Wohnort entfernt, entschieden. Hier verfügt man über eine langjährige, fundierte Ausbildung. Diese Einrichtung ist vom Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten als Zentrum für Hippotherapie und heilpädagogischen Voltigieren anerkannt.
Nach 3 monatiger Wartezeit konnten wir Anfang Oktober 1998 beginnen. Aber noch wichtige, man hatte das Gefühl, mit unserem Kind gut aufgehoben zu sein. Unsere Reitlehrerin ist eine ältere KG, die jahrelange Erfahrung im Reiten hat. Ausserdem hat sie eine strenge aber liebevolle Art mit den Kindern, speziell mit Anja, umzugehen. Bei uns ist schon Strenge angesagt, da Anja sonst auf dem Pferd einfach macht was sie will. Kommen wir in den Stall und das Pferd ist noch besetzt, geht die Schreierei schon los, weil Anja nicht warten will, bis sie an der Reihe ist, auch wenn wir erst knapp vor Unterrichtsbeginn kommen. Kaum auf dem Pferd, wird erstmals heftig das Pferd geklopft oder auch an der Mähne gezogen. Manchmal wird auch kräftig getreten, da Anja ja immer die Beine in Bewegung hat. Gerade dies muss man in der Hippotherapie lernen, die Beine ruhig zu halten, den Oberkörper ruhig zu halten, keinesfalls Schaukelbewegungen durchzuführen. Tritt Anja öfter bewußt das Pferd, muss sie sofort absteigen und mit der Reitlehrerin eine Strafrunde zu Fuß durch die Halle laufen. Fast immer ist sie danach wieder ruhig und es klappt besser. Daher kann ich nur bestätigen wir wichtig es ist, ein gut geschultes Pferd zu haben, das auch in solchen Situationen ruhig bleibt. Dies ist keinesfalls selbstverständlich, wie ich aus eigenen früheren Reiterfahrungen weiß. Anja muss verschiedene Übungen auf dem Pferd turnen wie: hinlegen, rückwärtssitzen,.. aber immer ist das Pferd dabei in Bewegung. Das Pferd wird von einem Pferdeführer geführt. Die Reitlehrerin läuft oftmals nebenher, da man Anja nicht trauen kann und sie sich manchmal einfach fallen lässt.
Bei schönem Wetter findet die Therapie im Freien auf den umliegenden Feldern statt. Die Bewegungen des Pferdes sind auf dem unebenen Gelände wieder total anders wie in der Halle und die Kinder müssen sich vom Gleichgewicht und den äußeren Eindrücken her wieder neu auf das Pferd einstellen. Ist Anja ruhig und arbeitet gut mit, darf sie mittlerweile schon Traben und manchmal auch an der Longe galoppieren.
Nach nunmehr 16-mal Hippotherapie (mit Ferien- und Winterpause) können wir leider momentan noch keine großen Veränderungen in Bezug auf ihre Unruhe feststellen. Aber sicherlich muss man hier noch mehr Zeit investieren. Die Kosten von DM 44.- pro Sitzung werden bei uns leider nicht von der Krankenkasse übernommen. Dennoch machen wir weiter, wir sehen dies sowohl als Hobby und Therapie an, das Wichtigste ist uns jedoch, dass Anja einen Riesenspaß an der Sache hat, denn Spaß und kein Druck sind wohl das Wichtigste überhaupt.
Viele liebe Grüße
Ute, Anjas Mutter