Ich bin Sabine, 31 Jahre alt und arbeite bei der Sparkasse. Mein Bruder Thomas ist 29 1/2 Jahre alt und verdient sein Geld als Heizungsmonteur. Uwe ist 28 Jahre alt, hat ein Cri-du-chat-Syndrom und arbeitet in einer WfB.
Ich bin nun schon mehr als 10 Jahre von zu Hause ausgezogen und führe mein eigenes Leben. Deshalb fällt es mir gar nicht so leicht mich an unser Zusammenleben zu erinnern.
Im Kindergarten-Alter haben wir eigentlich gut zusammen gespielt. Uwe lernte ja relativ spät krabbeln und laufen und hat viel Zeit im Laufgitter und Schaukelstuhl verbracht. Da konnte er nicht viel "Schaden" anrichten und wurde ins Spiel mit einbezogen. Später, als er sich selbständig fortbewegen konnte, wurde es schwieriger. Er interessierte sich sehr für unsere Schul- und Spielsachen, wollte überall mitmachen und zerstörte dabei vieles. Wir mussten möglichst alles im Schreibschrank verschließen bzw., unser Kinderzimmer abschließen um in Ruhe Hausaufgaben machen zu können.
Nervig fand ich auch, daß Uwe nicht so flexibel war und auf bestimmten Gewohnheiten bestand. Er aß nur mit seinem Besteck, beharrte auf seinem Sitzplatz und oft hat die ganze Familie seinen Nuckel bzw. sein Lieblingsspielzeug - eine Plasteschippe mit einem Bändchen, gesucht. Die Schippe musste überall mit - ins Bett, - in die Wanne, - zum Spazierengehen und sogar ins Krankenhaus. Ohne sie ging gar nichts.
Eifersüchtig auf meinen kleinen Bruder war ich nie, weil er immer Hilfe brauchte, eher auf meinen Bruder Thomas, wir waren oft wie Hund und Katze.
In unserem Wohngebiet und mit meinen Freunden habe ich kaum negative Erfahrungen gemacht. Uwe ist hier mit uns aufgewachsen und wurde mehr oder weniger akzeptiert. Außerhalb oder im Urlaub war dies vielleicht anders, aber das habe ich nicht so an mich heran gelassen. Wir haben unseren kleinen Bruder immer verteidigt. Allerdings waren die Eltern meiner ersten großen Liebe sehr gegen unsere Beziehung. Sie befürchteten ein behindertes Enkelkind zu bekommen und haben viel zur Trennung beigetragen.
Als sehr angenehm habe ich Uwe's kühle Hände (wegen eines Herzfehlers) empfunden. Hat mich manchmal etwas bedrückt nahm ich gern seine Hand. Auch heute zeigt Uwe wie kaum ein anderer in der Familie so viel echte Anteilnahme an den Höhen und Tiefen in meinem Leben. Er vermag dies auf eine so direkte, natürliche und unmissverständliche Art auszudrücken wie man es bei Nichtbehinderten kaum erlebt. Ich erinnere mich genau, wie ich mehrmals ganz enttäuscht vom leeren Briefkasten zurückkam (mein damaliger Freund studierte in Petersburg) - Uwe schrieb mir als Ersatz einen Krikel-Krakel-Brief, nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten. Ich fand die Geste so rührend und zugleich einfühlsam, dass ich meinen Kummer für diesen Moment völlig vergaß.
Uwe ist auch sehr dankbar für jede Form von Zuwendung und Aufmerksamkeit - gerade für die kleinen Dinge, z.B. meine abgelaufene Fernsehzeitung. Er kann zwar nicht lesen, erkennt aber auf den Bildern Sendungen wieder, die er gesehen hat. Er bedankt sich immer extra dafür.
Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich nie das Gefühl, wegen meines Bruders auf irgend etwas verzichten zu müssen - ich kannte es ja nicht anders. Aber wenn ich heute zurückblicke, hätte ich meine Eltern auch gern einmal für mich allein gehabt und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genossen. Noch heute, wenn ich ein ernstes Problem mit meinen Eltern in Ruhe besprechen will, stört es mich sehr, wenn Uwe immer wieder unterbricht, weil er entweder mitreden oder etwas ganz anderes mitteilen will. Auch seine ständigen Rollenspiele können ganz schön nerven - aber es ist ja seine einzige Möglichkeit, wie er das Gehörte oder Erlebte verarbeiten und mitteilen kann. Seit ich eine eigene Wohnung habe, kann ich mich ja zum Glück zurückziehen, wenn es mir zuviel wird. Wenn er ab und zu bei mir übernachtet, genießt er die kleinen Freiheiten, ein Glas Clausthaler oder ein Eis mehr als die Eltern es gern hätten.
Alles in allem ist es mir unbegreiflich, dass ich diese Erfahrungen auf Grund frühgeburtlicher Diagnostik oder Genetik vielleicht nicht hätte machen können. Uwe ist ein Teil meines Lebens den ich mir nicht wegdenken kann und den ich auch als Bereicherung empfinde.
Sabine