Die "benachbarten" Cri-du-Chat-Elterngruppen in USA und Großbritannien veranstalten fast regelmäßig bei ihren Jahrstreffen auch Gesprächskreise für die Geschwister -unter Leitung von Psychologen. Das zeigt, wie wichtig dies den Eltern dort ist. Wir haben dies zum Anlass genommen, auch bei einem unserer Treffen dieses Thema etwas ausführlicher zu diskutieren. Ein bischen darüber nachzudenken über die von uns in der Regel als "problemlos" betrachteten "anderen" Kinder.
In den meisten Familien in unserem Verein hat das behinderte Kind ein oder mehrere Geschwister. In der Regel beeinflussen diese die Entwicklung des behinderten Kindes positiv. Wie sieht es aber in der anderen Richtung aus? Wie beeinflusst das Aufwachsen mit einem behinderten Geschwister die gesunden Geschwister-Kinder- /Jugentlichen- /Erwachsenen?
Im folgenden einige Aussagen zur Situation von Geschwistern, im wesentlichen entnommen aus Veröffentlichungen von Frau Waltraud Hackenberg.
Unterschiedliche Ausgangssituationen von Geschwistern und Eltern
Die Eltern werden als relativ weit entwickelte Persönlichkeiten von der Lebenskrise der Behinderung eines ihrer Kinder betroffen. Sie müssen sich in bezug auf Selbstverständnis und Lebenssinn neu orientieren. Die Eltern müssen sich mit der Aufgabe lebenslanger Sorge und Verantwortung auseinandersetzen. Die Entwicklungsziele der Geschwisterkinder dagegen sind die Ablösung von der Familie und der Aufbau eines eigenständigen Lebens. (*)
Im Verlauf der Entwicklung ändert sich die Bedeutung eines behinderten Kindes für die Geschwister
Während im Kindesalter Belastungen durch die Behinderung in praktischen Einschränkungen für die Geschwister, in Zurücksetzung bei den Eltern, oder Überforderung hinsichtlich ihrer Selbständigkeit liegen, kommen im Jugendalter andere Belastungen hinzu, bzw. treten in den Vordergrund des Erlebens: Sorgen hinsichtlich eigener Partnerschaften und eigener Familiengründung, Fragen nach dem Sinn der Behinderung, Normenkonflikte zwischen Familie und Gesellschaft, Konflikte zwischen Ablösungswünschen und verstärkter Bindung durch Verantwortung für das behinderte Kind oder für die belasteten Eltern. (*)
Die Reaktions- und Verarbeitungsformen der Eltern beeinflussen diejenigen der Geschwister
Familien - vor allem Mütter, die selbstbewusst und aktiv sich mit der Behinderung ihres Kindes auseinadersetzen, können offensichtlich auch den gesunden Geschwistern gerecht werden und ihnen die benötigten Hilfestellungen geben.
Die Sicht der Eltern/Mütter:
Die Mütter, die nach den Eigenarten der Geschwister gefragt wurden, schilderten die nicht behinderten Geschwister auffallend häufig als reif im Sinne von vernünftig, selbständig und zuverlässig, zugleich als sensibel und empfindlich. Weiterhin hoben die Mütter häufig hervor, dass die nicht behinderten Geschwister besonders sozial eingestellt seien - sie schilderten sie als lieb, hilfsbereit und einfühlsam. Nur wenige der Geschwister wurden als unselbständig, robust oder aggressiv beschrieben.
Als Folgen für die Entwicklung der Geschwister wird angegeben:
"Die Gesamtgruppe der von uns untersuchten Geschwister behinderter Kinder erweist sich im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern als vermehrt offen und selbstkritisch, ihrer Umwelt zugewandt und an sozialen und humanen Werten orientiert. In sozialen Konfliktsituationen neigen die Geschwister weniger zu aggressiver Selbstverteidigung, sondern bemühen sich um eine Lösung des Konfliktes oder suchen der Auseinandersetzung auszuweichen. Im Rahmen der familiären Beziehungen fällt eine ausgeprägte Idealisierung des behinderten Kindes auf." (**)
Vor allem der Umgang mit Aggressionen - entstanden durch jahrelange Auseinandersetzung mit Rücksicht und Hilfsbereitschaft, wird von Psychologen als mögliche Gefahr für ihre Entwicklung gesehen .
Kriterien gelungener Bewältigung:
Aus der Sicht der Geschwister:
Beeinträchtigungen werden geäußert durch:
Als Gewinn wird gesehen: soziale Einstellungen und eine positive, offene Haltung Behinderten gegenüber.(**)
Was für Geschwister wichtig ist: (Aussagen aus versch. Veröffentlichungen)
Verwendete Literaturstellen:
(*)" Geschwister geistig Behinderter" - 30. Marburger Gesprächstage 1985, Bd. 6 kleine Schriftenreihe / Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., (darin speziell: W. Hackenberg: Zur psycho-sozialen Situation von Geschwistern behinderter Kinder)
(**)"Dir fehlt ja nichts! Die Situation der Geschwister" von E. Strasser, C. Wisnet, E. Klingshirn, J. Schädler in "Frühförderung interdisziplinär", 12.Jg.,S. 115-123(1993) Ernst Reinhardt Verlag, (zitiert wird darin: W. Hackenberg: Geschwister behinderter Kinder im Jugendalter - Probleme und Verarbeitungsformen, Edition Marhold im Wissenschaftsverlag Volker Spiess GmbH, Berlin 1992)
sonstige: W. Hackenberg:"Entwicklungsaufgaben für Geschwister behinderter Kinder im Jugendalter" in Geistige Behinderung 2/93, S. 148-153, Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.
Redaktion 5p-Info-Brief (1997)