Im letzten Info-Brief haben wir Sie gebeten, uns Zeugnisse ihrer Kinder zu schicken. Damit bezweckten wir folgendes:
6 Familien haben uns Zeugnisse zugesandt, sie umfassen individuell einen Zeitraum von einem bis zu 6 Jahren. Die einzelnen Beispiele in diesem Artikel stammen aus den Zeugnissen von Jörg, Kim, Sarah, Melanie, Steven und Marie. Kein Zeugnis gleicht dem anderen. Auch wenn zwei Kinder die selbe Schule besuchen wie Kim und Sarah in Bremen, sind ihre Zeugnisse doch sehr individuell gehalten. Die Erarbeitung eines Schema's, um die darin enthaltenen Aussagen etwas vergleichen zu können, ist entsprechend schwierig. Ich habe versucht, sie anhand der folgenden Gliederungspunkte zu analysieren:
Enthält das Zeugnis Aussagen zu:
Bei allen Zeugnissen nehmen die Punkte Verhalten und Mitarbeit, Beschreibung der allgemeinen und lebenspraktischen Fähigkeiten und der Sprache und Kommunikation den größten Raum ein. Besondere Vorlieben der Kinder werden manchmal explizit erwähnt, meist klingen sie auch in den Texten zu den einzelnen Fächern durch, fast immer kommen Musik und Sport / Schwimmen bei den Kindern gut an. Die anderen Fächer wie Deutsch, Mathematik, Werken, sind nur teilweise extra erwähnt und das überwiegend bei den älteren Kindern.
Welche Aussagen lassen sich aus den Zeugnissen zu Unterrichtsinhalten und Methoden machen?
aus den Zeugnissen von Sarah:
(12J)-Sarah spricht jetzt vier- bis fünfsilbige Wörter. Sie benutzt Dreiwortsätze. Ihr Wortschatz hat sich enorm vergrößert. Sie liebt Wort- und Sprachspiele und zeigt dabei Konzentration und Ausdauer.
(13J)-Ihre Sprache wird zunehmend klarer und besser verständlich. Sie konstruiert Mehrwortsätze. Ihr Passiver Wortschatz ist sehr groß, das Sprachverständnis gut entwickelt. Sie hat eine Vorliebe für exotische und schwierige Wörter.
(14J)-Ihr aktiver Wortschatz wird größer, sie kann Inhalte, die ihr wichtig sind auf ihre eigene Art sprachlich ausdrücken. Sie versteht alles was gesprochen wird und zeigt größtes Interesse daran.
Deutsch - Sarah kann Farben und einfache Formen richtig zuordnen. Einige Buchstaben spricht sie gerne nach und malt sie mit Handführung. Sie erkennt Dinge, die sie auf Abbildungen sieht und übt deren Benennung.
(15J)-Sarah ist sprechfreudig. Sie verfügt über einen großen passiven und einen umfangreichen aktiven Wortschatz. Sie drückt sich in ihrer Sprechweise (die von Außenstehenden schlecht verstanden wird) in Dreiwortsätzen aus. Sie wiederholt so lange, bis ihr Gegenüber verstanden hat.
Deutsch - Sie hat das "B" intensiver kennengelernt.
aus den Zeugnissen von Jörg:
(6J)-Er versteht einfache Anweisungen und führt sie auch aus. Er kann seine Mitschüler am Namen erkennen und namentlich nennen. Seine Bereitschaft, Worte nachzusprechen und zusätzlich einfache Gebärden anzuwenden verbessert sich.
(7J)-Er hat sich im Laufe des Schuljahres einen umfangreichen Wortschatz angeeignet und wendet ihn auch an. Er ist bereit, einfache Gebärden nachzuahmen und nutzt diese zur Kommunikation. Sein Sprachverständnis hat sich erweitert.
Deutsch - Er arbeitet gerne mit dem Lesebuch, betrachtet unter Anleitung Bilder und Bilderbücher. Er kann am Ende des Schuljahres sicher die Grundfarben unterscheiden und diese durch entsprechende Gebärden zeigen.
(8J)-Sein Wortverständnis hat sich erweitert. Immer öfter setzt er erlernte einfache Gebärden richtig ein. Beim Benutzen der Sprache in einfachen Spielhandlungen gibt es kleine Fortschritte.
(9J)-Sein Wortverständnis hat sich erweitert, so daß er erlernte einfache Gebärden situationsgerecht mit Sprache verbindet. Er beginnt einfache Wörter zu bilden und diese auch richtig anzuwenden.
Er benutzt bei einfachen Spielhandlungen immer häufiger seine Sprache und wendet Gebärden auf seine Art im Spiel mit anderen Kindern an.
(10J)-Er versucht einfache Handlungsabläufe mit Wort und Gebärden zu erzählen, braucht aber dazu bekannte Bezugspersonen als Gesprächspartner.
Jörg (mit 10 Jahren):
"Er erkennt in einfachen Übungen die Mengen 1, 2, und 3. Er kann dann diesem Mengenbereich Gegenstände zuordnen und zeigt die Mengen 1-3 mittels Gebärden."
Sarah (mit 15 Jahren):
"Sie hat sich mit Mengen bis 2 auseinandergesetzt. Sie kann mit Hilfestellung und konsequentem Verhalten verschiedene Gegenstände entsprechend zuordnen."
Kim (mit 7 und 8 Jahren):
"Sie zählt an ihren Fingern bis "drei". Sie geht "praktisch" mit Mengen von Dingen und Kindern um, deren Anzahl sie auf einen Blick erfassen kann."
"Sie zeigt auf Anforderung ein, zwei oder drei Dinge und gibt die Anzahl auch mit ihren Fingern an."
Bei Sarah und Jörg liest sich das so:
(Sarah Werken Sarah 13 bis Sarah 15)
(12J)-Mit Handführung schneidet Sarah Gemüse.
Sie webt mit Handführung und zieht den Wollfaden allein straff. Sie fädelt große Perlen zu einer Kette auf.
(13J)-Sie kann mit Hilfestellung mit der Schere schneiden. Sie malt gerne große Bilder, zerreißt sie aber hinterher meistens.
Sarah kocht gerne und interessiert sich sehr für volle Töpfe. Mit Handführung schneidet sie Obst und Gemüse.
(14J)-Sarah kann mit Hilfe große Nägel in vorgestochene Löcher in Holz einstecken und diese dann mit dem Hammer allein einschlagen. Sie kann ihr Werkstück selbständig in die Werkbank ein- bzw. ausspannen. Sie schafft es, Einsatzzylinder in die richtigen Löcher im Holzblock einzuordnen.
Sie hilft bereitwillig beim Kochen. Am liebsten schält sie Zwiebel.
(15J)-Sie hat den Umgang mit dem Hammer und das Einschlagen von Nägeln weiter gefestigt.
Sie ist engagiert beim Kochen dabei, schält mit Vorliebe und Ausdauer Kartoffeln und Zwiebel. Sie hilft beim Abtrocknen und Wegräumen des Geschirrs.
(Jörg Werken Jörg 6 bis Jörg 9)
(6J)-Er hat bei Schneid-, Mal- und Knetübungen Schwierigkeiten in seiner Handhaltung und im Handgeschick, die sich im Lauf des Schuljahres leicht bessern.
(7J)-Er hat Fortschritte beim Arbeiten mit der Schere gemacht, braucht aber beim Schneiden noch Hilfe. Er kann den Stift halten, verbindet vorgegebene Punkte oder malt Flächen aus. Beim Tonen sitzt er beide Hände ein, zupft und formt einzelne Teile.
(8J)-Er hat gelernt, Dinge auf vorgegebene Punkte zu legen. Das Schneiden mit der Schere bereitet ihm noch Mühe. Er arbeitet gerne mit Konstruktionsmaterialien, kann Teile zusammenschrauben. Schwierigkeiten treten auf, wenn die Arbeit mit beiden Händen notwendig wird.
(9J)-Er arbeitet unter Anleitung gerne mit dem Konstruktionsbaukasten.
(10J)-Beidhändig auszuführende Arbeiten gelingen ihm äußert selten. Einfache Schnitte mit der Schere gelingen ihm fast ohne Hilfe.
Nur im Zeugnis von Melanie und Marie werden die einzelnen Therapieinhalte näher beschrieben. Z.B. Ergotherapie bei Melanie:
"Schwerpunkt der Behandlung war, Melanie durch starke Reize in den verschiedensten Bereichen, wie Gleichgewicht,Tiefensensibilität, Oberflächensensibilität, immer längere Phasen ohne Autoaggression zu ermöglichen. Dies wurde durch folgende Therapiemittel und -maßnahmen erreicht: Melanie ließ sich gerne mit der SI-Bürste oder dem Igelball massieren, auch Klopfmassage am ganzen Körper hatte sie sehr gerne.Körpererfahrung vermittelte ihr das Spielen mit Wäscheklammern, Sandsäckchen und Schaukeln in der Hängematte oder draußen auf der Schaukel. ... Alles was Musik und Lärm erzeugt faszinierte sie. Am besten gefiel es ihr auf dem Trampolin, je stärker die Reize um so besser."
In Melanie's Schulalltag sind zudem verschiedene Therapieformen wie Basale Stimulation, Wahrnehmungsförderung, Gestalttherapie, Hippotherapie, Ergotherapie (siehe oben), Krankengymnastik, eingebaut und im Zeugnis / Entwicklungsbericht mit Zielsetzung und Methoden beschrieben.
Im Beispiel Marie (mit 13 Jahren):
"Marie verhält sich ihrem Umfeld gegenüber nach wie vor sehr sozial. Situationen in denen sie bewußt provoziert, treten nur noch äußerst selten auf und hängen aus meiner Sicht eher mit Abläufen zusammen die ihrem Wesen entspringen, als daß sie am Umfeld festgemacht werden können. D.h. s können die eigene Unausgeglichenheit durch Über- bzw.Unterforderung,Krankheit, Menstruation usw. oder auch Personenwechsel bzw. Situationswechsel zu diesem Stimmungstief führen. .. In Situationen in denen Marie durch Autoaggression, schlagen anderer und allgemein unerwünschtem Verhalten provoziert, ist es schwierig an sie heranzukommen. Auch her würde ich sagen, daß es unterschiedliche Wege gibt sie zu beruhigen. Diese Wege sind nicht klar ersichtlich und personell unterschiedlich,wie auch von Situation zu Situation unterschiedlich. Oftmals ist es auch so, daß Marie ihren Unmut ausleben muß und sich von allein wieder beruhigt.
Redaktion 5p-Info-Brief (1998)
Weitere Beispiele für Schulzeugnisse (werden laufend ergänzt)