Wenn ich heute in irgendeiner beliebigen Fußgängerzone eine Umfrage starten würde: Woran denken Sie bei dem Begriff Lesen? Dann würden 95% der Befragten antworten: Also Zeitungen und Zeitschriften und Bücher kann man lesen. Lesen lernt man in der Schule. Zum Lesen Lernen muss man die Buchstaben kennen ... D.h. sie denken beim Lesen zuallererst an Wörter, Schrift und Texte. Der Begriff Lesen begegnet uns aber auch im Alltag in einer erweiterten Bedeutung. Wir Lesen Fährten und Spuren. Wir lesen Wünsche von den Augen ab. Wir können in einem Gesicht lesen. Manche Menschen lesen aus Karten, aus der Hand oder dem Kaffeesatz. Wir lesen Pläne, oder auch in den Sternen. Lesen hat also nicht immer mit Schrift und Buchstaben zu tun.
Bereits in den siebziger Jahren rückte die Pädagogik von diesem oben genannten engen Lesebegriff ab und die Vorstufen von Schriftlesen und die Entwicklung dorthin wurden als erweiterter Leseunterricht in die Schulen aufgenommen. Lesen umfasst in diesem erweiterten Sinne das Wahrnehmen, Deuten und Verstehen von konkreten, bildhaften, symbolhaften oder abstrakten Zeichen und Signalen, die sprachfrei oder sprachgebunden sein können. Also alles, was irgendwie an Information auf uns einwirkt.
So wie das Kleinkind in der menschlichen Entwicklung zuerst Personen, Gegenstände und Situationen wahrnehmen und verstehen lernt, später dann Bilder, Symbole, Wörter und Texte lernt, und wie auch in der Geschichte der Menschheit, Höhlenmalereien, Hieroglyphenschrift und Keilschrift die Vorstufen der heutigen Buchstabenschrift waren, so gliedert sich auch der Lernprozess in der Schule in verschiedene, aufeinander aufbauende Lesestufen.
Lesen und Schreiben werden zu den sogenannten Kulturtechniken gezählt. Für viele Eltern, deren Kinder nicht die Regelschule besuchen können, steht eine Frage immer ganz oben: Wird mein Kind lesen und schreiben lernen? Wird es teilhaben an diesem Kulturgut? Und wenn nicht, was dann? Eine weitere Frage, die sie als Eltern sicher beschäftigt: WIE sieht der Leseunterricht in einer besonderen Schule wie der Haslachmühle eigentlich aus? WAS lernen unsere Kinder und WIE lernen unsere Kinder? Wir wollen Ihnen heute die verschiedenen Lesestufen vorstellen und an einem durchgängigen Beispiel veranschaulichen.
1. Gegenstände und Situationen lesen: (BSP. Windel)
Bevor ein Kind auf dieser Entwicklungsstufe diesen Gegenstand durch das bloße Betrachten deuten kann, muss es zuvor im handelnden Umgang und mit allen Sinnen Informationen und Erfahrungen mit diesem Objekt gesammelt haben und diese abspeichern. Dem Lesen von Gegenständen geht also immer das Erkunden dieser Gegenstände voraus. Diese gewonnenen Kenntnisse sind Voraussetzungen für das Deuten und Verstehen der Gegenstände. Das bloße Betrachten dieses Objektes reicht jetzt aus um seine Funktion und Bedeutung zu erkennen, während ein völlig unbekannter Gegenstand, zu dem im Gehirn nirgends eine Verbindung hergestellt werden kann, nicht gelesen, nicht gedeutet werden kann.
Im Beispiel mit der Windel kommt die Mama und zeigt dem Kind die Windel, sagt vielleicht noch: komm, jetzt machen wir eine frische Windel. Das Kind zeigt an seiner Reaktion, ob es die Situation richtig gelesen hat. Es denkt sich: o, nein, nicht schon wieder - und nimmt Reißaus, oder es läuft voraus zur Toilette und zieht sich schon die Hose runter, es zeigt oder benennt Gegenstand bzw. Situation in Worten oder Gebärden. Das klingt jetzt recht einfach, setzt aber voraus, dass das Kind sich der Außenwelt zuwenden kann, Aufmerksamkeit und Neugierde zeigt. Dann muss es den Gegenstand wahrnehmen, muss sich auf das was wichtig ist konzentrieren können, nicht von anderen Reizen oder der Umgebung ablenken lassen. Es muss das Wahrgenommene mit vorher erlebtem in Beziehung bringen und wiedererkennen (jetzt krieg ich eine neue Windel an den Po und dann darf ich wieder die Klospülung drücken) und es muss eine entsprechende Reaktion zeigen in Form einer Handlung, Sprache oder Gebärde. Bevor ich sachlich richtig und eigenverantwortlich reagieren kann, muss ich das, was um mich herum ist und geschieht, wahrgenommen und entschlüsselt, also gelesen haben.
2. Bilder lesen

Wir gehen weg von konkreten Gegenständen und Situationen hin zu bildhaften Darstellungen. Bilder sind Abbildungen der realen Welt. Fotos, gezeichnete, gemalte Bilder, sie begegnen den Kindern in vielfältiger Form (Einzelbild, Bildgeschichte, Bilderbuch, Kochrezept, ...) Bilder sind: zweidimensional, zeigen eine bestimmte Perspektive, keine Rundumsicht, verfremdet, verändert in der Größe. Beim Bilder lesen muss sich das Kind dieser Abbildungen auf Papier zuwenden (nicht alle Kinder zeigen Interesse an bildlichen Darstellungen), es muss fehlende, nichtabgebildete Details aus Erinnerung ergänzen, erbringt erste Abstraktionsleistungen. Es muss die Darstellung richtig deuten, mit konkreten Personen, Gegenständen, Situationen verbinden. Ein Kind auf dieser Entwicklungsstufe kann Personen und Objekte und deren Namen bestimmten Bildern zuordnen und umgekehrt.

3. Bildzeichen und Symbole lesen
Auf dieser Stufe werden die Zeichen noch abstrakter, noch reduzierter. Der Vorteil liegt auf der Hand: mit immer weniger gestalterischen Mitteln kann die gleiche Information gesendet werden. Ein Kind, das Zeichen dieser Art deuten kann, verfügt über eine kognitive Leistung, die wir Symbolverständnis nennen. Es hat bereit gelernt, dass etwas für etwas anderes stehen kann, ein Stellvertreter. Bereits im kindlichen Spiel entwickelt sich dieses so tun als ob. Phantasie kommt ins Spiel. Der Stock wird zum Gewehr, das Stück Rinde wird zum Teller, die zerpflückten Blätter vom Strauch sind der Salat,... Auf einer höheren Symbolstufe lernt das Kind, dass abstrakte Zeichen für reale Objekte und Situationen stehen können und dass dahinter verschlüsselte Informationen stehen.

Ohne dieses Symbolverständnis ist weder Sprache noch der umgang mit Gebärden und Schrift möglich. Es setzt das Wissen voraus. dass ein gesprochenes und geschriebenes Wort, eine Gebärde für eine Person, ein Objekt., eine Handlung stehen können. Auch ein Kind, das die Schriftsprache nur unzureichend oder gar nicht erlernen kann, findet auf der Bildzeichenebene viele Signale , Orientierungshilfe und Handlungsimpulse für die Bewältigung seiner Lebensumwelt. Immer mehr Informationen werden heute in dieser Symbolsprache verschlüsselt, begegnen uns im Alltag und sind auch international verständlich. Im Beispiel Toilette begegnen dem Kind viele verschiedene Darstellungsarten für ein und denselben Inhalt. Es muss lernen, zu verallgemeinern, zu generalisieren.

4. Signalwortlesen (WC)
Schon lange, bevor ein Kind richtig lesen kann, also auch unbekannte Wörter erlesen lernt, erkennt und liest das Kind Schriftzüge von immer wiederkehrenden Wörtern aus seiner Umgebung und im öffentlichen Leben (Cola, Mars, McDonalds, BMW, ...). Diese Wörter und Namenszüge haben Signalfunktion. Ohne Text und Bild springt die Information dem Betrachter ins Auge und kann Orientierungs- und Handlungshilfe sein. Beim Kind wird mit solchen Signalwörtern (vor allem über attraktive Inhalte) Interesse an Buchstaben und Schrift in seiner Umgebung geweckt.
5. Ganzwortlesen
Wie schon beim Signalwortlesen, wo das Kind ein Wort als Ganzheit erfasst, ohne einzelne Buchstaben zu kennen, speichert das Kind beim Erstleseunterricht Ganzwörter ab, ohne die verschiedenen Buchstaben benennen zu können. Das Kind erkennt und schreibt seinen eigenen Namen und andere Ganzwörter (Mitschüler, Geschwister, Mama, Papa, ...) und ordnet in verschiedenen Spiel- und Übungsformen Personen, Bilder, Gebärde, gesprochenes und geschriebenes Ganzwort gegenseitig zu. Nach und nach werden dann einzelne Laute und Buchstaben herausgelöst (Analyse) und einzeln gelernt und dann beim Erlesen von Wörtern wieder zusammengefügt (Synthese). Dieses Erlernen und Festigen der einzelnen Buchstaben und Laute nimmt einen großen Raum in unserem Leseunterricht ein. Damit Klang und Gestalt sich richtig einprägen und wirklich tiefe Spuren im Gehirn hinterlassen, machen wir Übungen mit dem ganzen Körper, großräumige Bewegungen, lautunterstützende Bewegungen, Übungen zum Tasten und Formen, zum Hören und optischen Unterscheiden und Zuordnen. Wir benutzen eine gemischte Schreibweise mit Groß- und Kleinbuchstaben, wie sie den Kindern auch im Alltag begegnen und verwenden Druckschrift, weil die isolierten Buchstaben besser wahrgenommen und unterschieden werden.
6. Schriftlesen (sinnentnehmendes Lesen)
Beherrscht ein Schüler alle Buchstaben und deren Zuordnung zu den entsprechenden Lauten und kann er die Lautfolgen so verschmelzen, dass er am Wortklang die Bedeutung erkennt, so hat er ein Wort erlesen. Kein Mensch, der das Lesen von Schriftsprache beherrscht, macht sich irgendwelche Gedanken darüber, welch komplexe Leistungen, welche Fülle von Einzelfunktionen aus den Bereichen der visuellen und akustischen Wahrnehmung, des Sprechens und Sprachverstehens, des Gedächtnisses und des Symbolverständnisses beim Erlesen eines einfaches Wortes zusammenwirken.
Uns ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass Lesen in diesem erweiterten Sinne auf verschiedenen Ebenen stattfindet, dass auf jeder Ebene die Suche nach Sinngehalten in allen Bereichen der menschlichen und gegenständlichen Umwelt im Mittelpunkt steht. Was bedeutet etwas? Was bedeutet es für mich? Ziel ist, dass die Schüler lernen, sich schrittweise in ihrer komplexen Umgebung zu orientieren, diese aktiv mitzugestalten und mit ihr in Beziehung zu treten. Vor der Frage nach dem WAS und WIE des Leseunterrichts steht das einzelne Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen und Voraussetzungen. Auf welcher Lesestufe benötigt genau dieses Kind spezielle Angebote. Welche Inhalte haben für dieses Kind in der jetzigen Entwicklungsphase Bedeutung? Entsprechend wird die Auswahl an Bildern und Wörtern getroffen.
Was können sie im Elternhaus beitragen? Wecken sie das Interesse und die Neugier ihres Kindes an allem, was seinem Entwicklungsstand entsprechend Informationen bieten kann. Situationen im Alltag, jede Spielsituation, Bücher in all ihrer Vielfalt. Schauen sie Fotoalben und Bücher zusammen an. Lesen sie vor. Stellen sie Bücher zur Verfügung. Gestalten sie selber Bücher mit Lieblingsbildern ihres Kindes. Bücher haben nicht nur Unterhaltungswert und geben Informationen, sie besitzen auch einen kommunikativen Wert (wie toll kann man ins Gespräch kommen beim gemeinsamen Bilderbuch anschauen). Machen sie sich selber ein Bild, auf welcher Lesestufe sich ihr Kind befindet. Machen sie sich bewusst, welche komplexen Leistungen ihr Kind im Lese-Lernprozess erbringen muss und geben sie sich und ihrem Kind die dafür notwendige Zeit.
Fr. Noll, Unterstufenleiterin der Haslachmühle