Elternbericht: Lara
Ein wenig aufgeregt waren wir ja doch, denn wer hat schon die Möglichkeit im Alter von 83 Jahren und 42 Jahren wieder einmal "die Schulbank zu drücken"?
So erging es uns im Frühjahr des Jahres 2004, denn als Oma und Mama von Lara (damals 9 Jahre), Schülerin der Kooperationsklasse in der Grundschule Nikolaischule in Herzberg am Harz, war uns dieses ermöglicht worden durch das Projekt "Gläserne Schule Kooperationsklassen öffnen ihren Unterrich" des Arbeitskreises Kooperation in Niedersachsen. In dem Zeitraum vom 1. bis 12. März 2004 hatten interessierte Eltern, Lehrer und Mitarbeiter von Tagesbildungsstätten die Möglichkeit, am Unterricht von Kooperationsklassen teilzunehmen und sich so über eine außergewöhnliche Schulform zu informieren. Denn durch den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung soll das Ziel „Integration durch Kooperation“ erreicht werden. Auch unsere Regionalzeitung hatte im Vorfeld darüber informiert.
Also hatten wir uns für den Donnerstag, 11. März in der Nikolaischule angemeldet. Aus lauter Angst, zu spät zu kommen, hatten wir uns so zeitig auf den Weg gemacht, dass wir viel zu früh eintrafen. Fröhlich wurden wir von den 7 Schülern der Kooperationsklasse, zusammen mit der Praktikantin und den beiden Lehrern begrüßt und dann begann auch für uns der "ganz normale Schulstress" eines Grundschulklässlers.
Während die Oma im Klassenzimmer bleiben konnte, um der Einzelsitzung von Lara in Logopädie beizuwohnen, stand für mich „Sachkunde“ auf dem Stundenplan, also Stuhl unter den Arm und den Kindern hinterher in den Klassenraum der Partnerklasse. Dort werden 19 Schüler von einer Lehrerin unterrichtet, darunter ein Mädchen, das stark sehbehindert ist, als Integrationskind, dem ein Zivildienstleistender zur Seite gestellt ist.
Während wir einer neuen Geschichte vom Sams lauschten, konnten die Kinder in Ruhe ihre Pausenbrote essen. Dann begann der Unterricht mit dem Thema "Welche Stoffe sind wasserdurchlässig, welche nicht?". In Eigenversuchen sollten die Schüler verschiedene Stoffe als Hausaufgabe testen und es war für mich faszinierend zu hören, wie kreativ man zu Hause bei der Auswahl gewesen war (z.B. Beton, Schokolade, Tulpenblätter und vieles mehr). Auch stellte ich mit Freude fest, wie wenig sich im Unterricht die Schüler unterschieden. Jeder brauchte einmal Hilfestellung oder ein helfendes Nachfragen, egal ob Kooperations- oder Partnerklassenkind. Nicht nur ich verfolgte den Unterricht mit Eifer, da klingelte es schon zur nächsten Stunde. "Sport" stand auf dem gemeinsamen Stundenplan. Bei den Laufspielen waren alle Schüler mit Begeisterung bei der Sache, während Lara mit ihrer Praktikantin stolz präsentierte, wie gut sie schon gehen kann.
Nach zwei Schulstunden (Oma wäre gern noch länger geblieben!) fuhren wir voller neuer Eindrücke nach Hause. Wir haben liebenswerte Kinder kennengelernt, die einen tollen Klassenverband bilden und sehr rücksichtsvoll mit einander umgehen. Spürbar profitieren sie sowohl vom gemeinsamen Unterricht als auch von der notwendigen Einzelförderung.
Nun sind wieder zwei Jahre vergangen. Die gemeinsame Grundschulzeit geht in diesem Sommer zu Ende. Für Lara, bald 12 Jahre alt, ist diese Schulzeit sehr erfolgreich verlaufen:
Das Projekt Kooperationsklasse wird ab Sommer 2005 zum ersten Mal mit einer Realschule der Stadt Herzberg fortgeführt. Für Lara habe ich entschieden, dass sie daran nicht weiter teilnehmen wird, sondern zurück in die Tagesbildungsstätte geht, wo sie bereits ihr erstes Schuljahr absolvierte, bevor sie in die Kooperationsklasse kam.
Denn meiner Meinung nach werden in der Realschule die Unterschiede zu den nicht behinderten Schülern in Laras Fall zu gravierend sein. So möchte ich ihr bis zum Ende ihrer Schulzeit lieber den beschützten Rahmen der Tagesbildungsstätte gönnen, wo sie in einer überschaubaren Größe des Gebäudes und der Klassen unter „ihresgleichen“ sein kann. Hier wird sich dann vielleicht auch mal eine Liebelei ergeben, was ich ihr wünschen würde, denn Lara kommt deutlich spürbar in die Pubertät. Ein Junge von der Realschule wird sich bestimmt nicht in sie verlieben, aber während ihrer Kindergartenzeit im Heilpädagogischen Kindergarten der Lebenshilfe hatte sie immer Verehrer.
Ich finde, an Lara und ihrer Entwicklung sieht man ganz deutlich: Bei unseren Kindern ist alles möglich! Man darf gespannt sein, was da noch alles kommt!
Laras Mutter Petra (2006)
"Du hast dich schnell in die Klasse eingelebt und viele Freunde gefunden. Durch deinen neuen Stuhl kannst du während der Mahlzeiten und im Morgenkreis toll sitzen. Das Aussteigen gelingt dir ohne Hilfe und das Einsteigen machst du auch schon ganz selbständig. Du hast Spaß am Laufen und gehst die Wege innerhalb der Tagesbildungsstätte mit Unterstützung. Am liebsten isst du einige Löffel von der Tomatensoße und Joghurt. Dein Lachen und deine Umarmungen bringen viel Freude in die Klasse."
Die Förderschwerpunkte liegen im motorischen Bereich (Laufen), in allen Wahrnehmungsbereichen und beim Esstraining.
Lara wirkt ausgeglichen und zufrieden. Sie hat einen ausgeprägten Willen und zeigt durch Mimik und Gestik sehr deutlich, wenn sie etwas nicht möchte. Lara sucht verstärkt den Kontakt zu ihren Mitschülern, der auch positiv beantwortet wird.
Lara reagiert sehr positiv auf Musik und rhythmische Laute. Im Wasser ist sie sehr bewegungsfreudig und geht auf Fördermaßnahmen sehr gut ein.
Lara hält sich gerne in der Gesellschaft von Kindern auf. Sie wendet sich anderen Schülern zu und setzt sich zu ihnen. Die Kontaktaufnahme wird in den meisten Fällen positiv beantwortet.
Ihr Arbeitsverhalten hat sich weiterhin verbessert. Sie läßt sich auch auf für sie unbekannte Fördereinheiten ein. Lara wird jetzt regelmäßig zum Mittag und Frühstück Essen angereicht. Auf die Sondennahrung kann aber weiterhin noch nicht verzichtet werden. Das Laufen (mit Unterstützung) ist für sie zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Für weitere Strecken wird der Rollstuhl weiterhin benötigt. Lara sitzt jetzt auf einem normalen Stuhl.
viertes Schuljahr 2005
Lara läßt sich auf neue Situationen ein und bleibt während der Fördereinheit auf dem zugewiesenen Platz sitzen. Sie ist nicht mehr so personenfixiert. Sie geht von sich aus auf ihre Mitschüler zu, in dem sie zu ihnen an den Tisch krabbelt, aufsteht und Körperkontakt aufnimmt.
Lara wird regelmäßig gefüttert, auf Sondennahrung kann verzichtet werden. Zur Zeit wird das Trinken aus einem Becher angebahnt, als Ergänzung muss ihr aber weiterhin Flüssigkeit sondiert werden. Ihre Körperspannung ist besser geworden. Sie zieht sich an Gegenständen hoch und steht über einen längeren Zeitraum an diesen. Sie stützt sich dabei nur noch leicht ab. Durch kontrollierte Bewegungen ist Lara in der Lage aus dem Stand sich auf den Boden oder einen Stuhl zu setzen.