Für den Infobrief 2009 hatte die Redaktion um Leserbriefe gebeten in denene Erfahrungen zum Thema "Integration" geschildert werden.
Bestimmt wären wir große Fans des Integrationsmodells, wenn wir schon einmal erlebt hätten, dass es funktioniert
Unsere Erfahrungen sehen so aus: Als Niklas anderthalb Jahre alt war und wir zum ersten Mal mit der Diagnose konfrontiert waren, ging unsere ältere Tochter in einen konfessionellen integrativen Kindergarten. Die Leiterin, mit der wir uns auch privat prima verstanden, bot uns gleich nach dem ersten Schock an, Niklas in ihrer Gruppe aufzunehmen. Wir waren sehr dankbar, die Eingewöhnung ging auch reibungslos, und da wir beide schon wieder arbeiteten, war der Kindergartenplatz zunächst die Rettung. Wir stellten allerdings bald fest, dass Niklas` Gruppe mit über 30 Kindern offenbar viel zu groß für ihn war, ihn das allgemeine Getümmel und der Geräuschpegel viel zu sehr anstrengten und er nach dem Kindergarten richtig zerschlagen und fertig war. Auch die Vorstellungen darüber, was Integration bedeutet, gingen sehr auseinander. Es gab zwar eine Erzieherin, auf die Niklas besonders "gepolt" war, von einer halben Stelle extra war faktisch aber nichts zu bemerken. Überhaupt war strukturell gar kein Platz und keine Zeit, sich mit Niklas intensiv zu beschäftigen. Das Motto lautete: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht." Nach mehreren erfolglosen Gesprächen mit der Leitung, kamen wir uns vor, wie die überengagierten hysterischen
Eltern, die selbst arbeiten gehen und gleichzeitig utopische Forderungen an die Einrichtung stellen. Es gab zwei Situationen, die uns dann endgültig überzeugten, einen anderen Platz zu suchen: Weil Niklas in dieser Zeit permanent mit Mittelohrentzündungen zu tun und Röhrchen eingesetzt bekommen hatte, sollte er im Kindergarten nicht ins Planschbecken. Das führte hier allerdings dazu, dass wir Niklas beim Abholen abseits des Hofes allein im Laufställchen vorfanden. Als die ganze Gruppe – inklusive jüngster Kandidaten – einmal gemeinsam auf den Ponyhof verreisen wollte, hatte ich angeboten als Begleitperson mitzukommen. Selbst unter diesen Vorraussetzungen wollte man Niklas nicht mitnehmen. Integration hatten wir uns andersvorgestellt.
Jetzt geht Niklas seit zwei Jahren in einen heilpädagogischen anthroposophischen Kindergarten. In seiner Gruppe sind nur fünf Kinder mit unterschiedlich starken Behinderungen (Nikl gehört zum Mittelfeld, was den Grad der Behinderung angeht), eine feste Erzieherin und eine Praktikantin. Es gibt – wie bei den Anthroposophen üblich – ganz klare Rituale, immer wiederkehrende Sing- und Theaterspiele, akribische Vorbereitung der einzelnen Feste, viel weniger Spielzeug und Reize und ein großartiges Angebot an Therapien im Haus. Niklas geht dort zweimal wöchentlich zur Logopädie, und jeweils einmal zur Musiktherapie und Eurythmie. Der einzige große Nachteil: Der Kindergarten ist am anderen Ende Berlins, und Niklas muss immer mit dem Fahrdienst durch die halbe Stadt. Ihn scheint das allerdings gar nicht zu stören, wohl auch, weil er so ausgesprochen nette Fahrer hat und unterwegs immer "Hexe Lilli" oder beliebte Kinderschlager gehört werden. Morgens wird unser Sohn jedenfalls schon um 07:15 Uhr abgeholt, nachmittags um 16 Uhr bekommen wir ihn zurück. Und zwar in den allermeisten Fällen ausgeglichen und prima gelaunt. Insgesamt macht er einen viel fröhlicheren und selbstbewussteren Eindruck, seitdem er nicht ständig der einzige seltsame Kerl seiner Gruppe ist. Normalität im Miteinander mit anderen Kindern ergibt sich für Niklas ohnehin täglich durch seine Schwester und ihre Spielgefährten, auf Spielplätzen, Familienfeiern und bei gemeinsamen Unternehmungen mit uns.
Zum Thema Integration allgemein denke ich: "Normale" Kinder profitieren bestimmt uneingeschränkt davon, und für viele Kinder mit Behinderungen mag es auch passend sein. Für uns war´s das nicht. Natürlich wäre es traumhaft, wenn unsere Kinder ganz selbstverständlich mit anderen "normalen" Kindern aufwachsen, lernen und zur Schule gehen könnten. Genauso traumhaft wäre es, wenn sie als Erwachsene ganz selbstverständlich ihren Platz mitten in unserem Alltag und in unserer Gesellschaft fänden. Aber ist dieses Modell für Menschen mit diesem Grad an Behinderung irgendwo Wirklichkeit? Vielleicht bin ich zu phantasielos oder habe zu früh resigniert, aber solange ich den Ort nicht kenne, wünsche ich mir für Niklas einen liebevollen und beschützenden Raum. Und den haben wir im integrativen Modell nicht finden können.
Niklas's Mutter Gesa (2009)