Letzte Änderung: 17.07.2009

Thema Schule
Integration

5p- Info-Brief 2009

Leserbrief zum Thema Integration (Niedersachsen)

Für den Infobrief 2009 hatte die Redaktion um Leserbriefe gebeten in denene Erfahrungen zum Thema "Integration" geschildert werden.

Aufbau einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für junge Erwachsene mit verschiedenen Behinderungen

Manfred und Katharina, die Eltern der fast 25-jährigen Marie, arbeiten als Vereinsvorstand und als Vereinsmitglied seit vielen Jahren aktiv am Aufbau einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für junge Erwachsene mit verschiedenen Behinderungen und unterschiedlichem Hilfebedarf.

Der Verein "Lebensbaum e.V. in Osterode" am Harz ist aus einer Elterninitiative entstanden und orientiert sich an anthroposophischen Arbeits- und Lebensgemeinschaften und ganzheitlichen Konzepten.

Warum habt ihr euch für diese Arbeits- und Wohnform engagiert?

Als gegen Ende der Schulzeit abzusehen war, wo Maries Stärken und Schwächen lagen, begannen wir uns nach einer geeigneten Werkstatt und Wohnmöglichkeit umzusehen. Das Angebot vor Ort hat uns nicht überzeugt: in der Werkstatt wäre Marie überfordert gewesen, im (von der Werkstatt räumlich ausgegliederten) Förderbereich dagegen evtl. unterfordert. Ausschlaggebend für uns aber war, dass für Behinderte ohne anerkannte Werkstattfähigkeit nur ein Heim mit Tagesstruktur finanziert wurde. Da gibt es bei uns nur ein großes Heim mit ausschließlich sehr hilfebedürftigen Menschen. Den Förderbereich mit den dann aufgebauten Sozialkontakten hätte Marie bei späterer Heimaufnahme verlassen müssen. Sie hätte viele Sozialkontakte verloren, z.B. alte Klassenkameraden, die sie so wenigstens ab und zu auf dem Werkstattgelände oder bei Festen trifft, nicht mehr gesehen. Wir suchten etwas zwischen dieser Werkstatt und dem Förderbereich und das auch noch möglichst wohnortnah.

Es war und ist für uns pädagogisch und auch sonst nicht nachvollziehbar, warum man behinderte Kinder einerseits in Kindergärten und Schulen integriert bzw. mit Regelschulen kooperiert, in den Sonderschulen und Tagesstätten gemischte Gruppen unterrichtet, und dann im erwachsenen Alter innerhalb der Behinderteneinrichtungen nach Behinderungsschwere separiert!

Wie hat sich das Projekt entwickelt?

Der Verein wurde im Jahr 2000 gegründet, 2002 konnten wir eine alte Villa mit wunderschönem, parkähnlichem Gelände günstig ersteigern und in der Folgezeit umbauen. Im Obergeschoss entstanden Bewohnerzimmer, im Erdgeschoss Café und Kunstwerkstatt. Im Jahr 2004 bezogen die ersten Bewohner ihre Zimmer, die Werkstatt konnte anfangen zu arbeiten. In die Werkstätte gehen außer den jetzt 9 Bewohnern heute noch zwei Externe, darunter auch Marie. Derzeit ist ein zweiter Bauabschnitt in Realisierung für weitere 16 Bewohner, wieder sowohl Wohnheim als auch ein neues Werkstattgebäude. Wir arbeiten heute im Verbund mit den Harz-Weser-Werkstätten, was uns vor allem die Verwaltung, erleichtert.

Wer hat das Vorhaben finanziert?

Eine Mischung an öffentlicher Förderung (60%) und Eigenmitteln. Dazu gehören Darlehen und Spenden z.B. über die "Aktion Mensch".

Was ist das Besondere?

Im Vordergrund steht für uns die Lebensgemeinschaft mit familiärem Charakter, in der sich die Bewohner wohl fühlen und leben können bis ins hohe Alter. Wir versuchen für jeden einzelnen eine seinem Können und seiner Art entsprechende Arbeit und Arbeitsumgebung zu finden und zu realisieren. Möglichkeiten dazu bieten die hauswirtschaftliche Versorgung des Wohnheims, eine Kunst- und eine Holzwerkstatt.

Was macht Marie?

Sie arbeitet derzeit im 4-wöchigen Wechsel in der Hauswirtschaft und in der Kunstwerkstatt. Das klappt überraschend gut und sie fühlt sich sehr wohl dabei.

Wie groß ist der Hilfebedarf der Bewohner?

Sowie ein Bewohner ein Wohnheim bezieht wird (von Amts wegen) für ihn ein Hilfebedarf ermittelt. Die Einteilung geschieht in 5 Hilfebedarfsgruppen, mit jeder Einstufung verbunden ist ein Tagessatz, die Vergütung je Hilfeempfänger und Pflegetag. Der höchste Betrag wird bezahlt für Gruppe 1.
Würde man unsere Gruppen mitteln, lägen wir so in etwa bei Vergütungsgruppe 3. Eine, wie wir finden gute Mischung, so dass unsere Bewohner sich auch gegenseitig unterstützen können und nicht nur auf die Betreuer angewiesen sind. Der Zuschuss, den wir bekommen, liegt derzeit bei Hilfsgruppe 1 bei etwa 40 Euro pro Tag und steigert sich bis Gruppe 5 auf etwa 110 Euro pro Tag.

Und welchen Hilfebedarf hat Marie?

Da sie noch zuhause wohnt, ist sie noch in keine Gruppe "hineinverwaltet". Vermutlich wäre auf jeden Fall Gruppe 4 für sie angebracht.

Was ist das Schwierigste in dieser Lebens- und Arbeitsgemeinschaft?

Menschen zu finden, die sich verstehen. Die Bewohner müssen miteinander auskommen können. Das ist das Wichtigste, sonst ist das Zusammenleben nicht möglich. Aus diesem Grund mussten wir uns, vor allem anfangs, leider auch schon von einigen, glücklicherweise wenigen, Bewohnern trennen. Ein weiteres Problem ist, geeignete Mitarbeiter und geschulte Betreuer zu gewinnen, um die Gruppe voran zu bringen.

Mittlerweile haben wir die diesbezüglichen Anfangswehen gemeistert und gehen ruhigeren und professionelleren Zeiten entgegen.

Wie integriert ihr euch in die "Normalgesellschaft"?

Wir sind mit unseren Produkten präsent auf verschiedenen Festen und Veranstaltungen der Region. In Planung für die Zukunft ist ein für alle offenes Café. Aber dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir wollen in erster Linie, dass die Lebensgemeinschaft gut läuft. Integration in die Normalgesellschaft ist noch aufwendiger und braucht intelligente und fantasievolle Konzepte. Im Kleinen läuft schon eine ganze Menge, ein Teil der Bewohner nimmt z.B. an den Veranstaltungen der örtlichen Sportvereine oder an Kursen der Volkshochschule teil.

Wie geht es weiter mit Marie?

So wie bisher. Wir hoffen, dass sie sich entschließt, in das zweite Haus unseres Vereins zu ziehen, wenn es in ca. 4 Jahren fertig ist. Momentan lebt sie noch sehr gerne zuhause.

Abschließende Frage: Würdet ihr diesen Weg heute noch einmal gehen?

Wahrscheinlich nicht. Die letzten zehn Jahre waren für uns enorm belastend, und das in jeder Beziehung. Wir hatten kaum noch Freizeit. Alle unsere Eltern bringen immer noch sehr viel Einsatz in das Projekt ein. Wir hoffen, dass sich dies nach Ende unseres zweiten Bauabschnittes etwas reduziert.

In den letzten Jahren hat sich glücklicherweise in der Behindertenarbeit insgesamt viel getan, es gibt neue Konzepte auch in herkömmlichen Werkstatt- und Betreuungsbereichen. Wir würden heute versuchen, mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen und unsere Ideen dort einbringen.

Wichtig ist und bleibt für uns als Eltern die Mitsprache bei der Gestaltung aller Lebensbereiche für unsere Tochter. Wir sehen eine zeitaufwändige Mitarbeit weiterhin insofern nicht als Belastung sondern als Chance für unsere ganze Familie.

Manfred und Katharina , eltern von Marie im Interview mit Agnes Mutter von Anna (2009)