Letzte Änderung: 17.07.2009

Thema Schule
Integration

5p- Info-Brief 2009

Leserbrief zum Thema Integration (Baden Wüttemberg)

Für den Infobrief 2009 hatte die Redaktion um Leserbriefe gebeten in denene Erfahrungen zum Thema "Integration" geschildert werden.

Hannah besucht eine so genannte "Außenklasse"

Rein räumlich betrachtet ist das eine Klasse einer Sonderschule, deren Klassenzimmer in einer regulären Grundschule untergebracht ist. Hannah und fünf weitere Kinder unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Behinderungen werden von einer Lehrerin und einer Referendarin unterrichtet und von einer FSJlerin begleitet. Jedes Kind der Klasse hat einen eigenen Stundenplan, denn neben den gemeinsamen Stunden gibt es Kooperationen: Da geht das eine Kind zum Sport mit in eine andere Klasse, dafür kommen zur Leseförderung Kinder einer anderen Klasse dazu. Pausenhof und Hort mit Mittagessen werden gemeinsam genutzt. Kinder aus anderen Klassen kommen "zu Besuch" vorbei.

Nach fast einem Jahr Außenklasse lautet mein grundsätzliches Fazit: Hannah gefällt es gut, und was es ihr ganz offensichtlich gebracht hat, ist eine Portion an Selbständigkeit - man denke nur an die selbständigen Busfahrten. Darüber hinaus neue Freunde, mit denen sie inzwischen zum Beispiel ganz selbstverständlich ihre Pause verbringt. Für die anderen Kinder der Grundschule scheinen "Behinderung" und "besondere Bedürfnisse" etwas selbstverständlicher geworden, sie sind "mittendrin" statt "außen vor".

Es handelt sich ja nicht um eine komplette Integration im Sinne von einem oder mehreren Kindern mit Behinderung in einer größeren Gruppe nicht behinderter Kinder, aber das würde ich mir – zumindest für Hannah – auch nicht wünschen. Sie ist "fit" genug um zu merken, dass sie mit den nicht behinderten Kindern eben nicht mithalten kann, und diesen "Dauerfrust" möchte ich ihr gerne ersparen! Zumal die reguläre Klassengröße in so einem Fall auch deutlich gesenkt werden müsste - meines Erachtens noch viel deutlicher, als dies beispielsweise in Kindergärten mit Integrationsgruppen der Fall ist.

Es darf einfach nicht zuviel Trubel, Reize und Neues geben. Bei einer Mitschülerin Hannahs zeigt sich bereits, dass bei uns die "alte" Schule schon rein räumlich nicht wirklich geeignet ist für sie. Eine Rollstuhlrampe wurde zwar angebracht, aber das Kind braucht Dauerüberwachung, da sie kein Gefahrenbewusstsein hat und einfach die Treppen hinunterfahren würde. Ähnliche Probleme entstehen durch den nicht vorhandenen Sanitär-/Dusch-/ Wickelraum, der sich auch nicht ohne weiteres einbauen lässt. Auch Vorteile wie Therapien vor Ort, wie sie oft an Sonderschulen gegeben sind, entfallen.

Für Hannah genügt zwar die Psychomotorik, die angeboten wird, aber das ist ja bei vielen Kindern mit Behinderung nicht ausreichend. Nicht zuletzt gibt es keine besondere medizinische Betreuung; sondern nur genauso viel (oder wenig) wie in jeder "normalen" Grundschule.

Auch das ist bei uns kein Problem, wäre aber zumindest bei Anfall gefährdeten Kindern kritisch. Diese Umstände bedingen, dass eine Integration oder Kooperation oder eben eine solche Außenklasse nicht mit Kindern egal welcher Behinderung möglich ist, sondern nur mit "passend ausgewählten" – einfach deshalb, weil die äußeren Bedingungen eben sind, wie sie sind und nicht so einfach geändert werden können. Für Hannah passt es, wie es jetzt läuft, prima; aber daraus möchte ich nicht schlussfolgern, dass diese die ultimative Lösung für alle ist.

Hannah's Mutter Beate (2009)