Für den Infobrief 2009 hatte die Redaktion um Leserbriefe gebeten in denene Erfahrungen zum Thema "Integration" geschildert werden.
Integration ist wünschenswert, aber nicht um jeden Preis
Meiner Meinung nach muss es Ziel unserer Gesellschaft sein, dass Kinder mit Behinderung die selben Einrichtungen besuchen wie Kinder ohne Behinderung. Viele Länder praktizieren dies seit vielen Jahren erfolgreich. Schlagwörter wie gemeinsame Erziehung oder gemeinsamer Unterricht spiegeln dieses Ziel in der deutschen Bildungspolitik wider. Allerdings sind diese Konzepte nicht konsequent umgesetzt und häufig nicht ausgereift. Zum einen gibt es weiterhin Sondereinrichtungen, zum anderen haben viele Regeleinrichtungen bisher weder die personellen noch die sachlichen Voraussetzungen, Kindern mit besonderen Bedürfnissen gerecht zu werden. In der Grundschule habe ich das als Lehrerin selbst erlebt. Ich kenne aber auch Beispiele, in denen es Sonderpädagogen und Lehrern in der Grundschule prima gelingt, eine wünschenswerte Lernumgebung für alle Kinder zu schaffen. Ich vermute, dass sich diese Erfahrung auch auf Kindergärten übertragen lässt.
Seit kurzem beschäftigen wir uns mit der Frage, welchen Kindergarten unsere zweijährige Caroline in einem Jahr besuchen soll. Zunächst stand für uns fest, dass sie in den Regelkindergarten in unserem Wohngebiet geht. Die Vorteile lagen für uns auf der Hand. Die anderen Kinder lernen Caroline kennen, sie hat keine langen Fahrzeiten, sie ist Teil unserer ganz normalen Gesellschaft und wird nicht in eine künstliche Parallelwelt aus Behinderten abgeschoben. Zumindest im Kindergarten muss das doch möglich sein, dachten wir. Nachdem wir uns verschiedene Einrichtungen angeschaut haben, hat sich unsere Meinung geändert. Bestimmt gibt es viele Regelkindergärten, in denen behinderte Kinder toll integriert sind und entsprechend ihren Möglichkeiten gefördert werden. In unserem Regelkindergarten haben wir diese Möglichkeit nicht so gesehen. Trotz der anfänglichen Skepsis überwiegen für uns mittlerweile die Vorteile des heilpädagogischen Kindergartens. Therapien finden am Vormittag statt, so dass Caroline nachmittags Zeit hat, mit anderen Kindern zu spielen. Sie kann zwar an jeder Therapie teilnehmen, muss es aber nicht. Caroline wird morgens von einem Kindergartenbus geholt und am frühen Nachmittag zurück gebracht. Wir haben das Glück, dass der heilpädagogische Kindergarten nur fünf Autominuten von uns entfernt ist, so dass sie zumindest in der Anfangszeit nicht über Mittag bleiben muss.
Was das Thema Integration angeht, scheint sich unsere Gesellschaft gerade im Umbruch zu befinden. Es gibt nicht die richtige Lösung für alle Kinder. Solange es die Wahl zwischen Regel- und Sondereinrichtung gibt, müssen alle Eltern nach den jeweiligen Gegebenheiten selbst entscheiden, welches die beste Möglichkeit für ihr Kind ist.
Caroline's Mutter Regine (2009)