Für den Infobrief 2009 hatte die Redaktion um Leserbriefe gebeten in denene Erfahrungen zum Thema "Integration" geschildert werden.
Integration ist eine "Grat"-Wanderung - (m)ein Plädoyer für Sonderschulen und Fördergruppen
Maria hat es super formuliert, Karin noch besser. Ich stehe voll hinter ihrer Ansicht. Und hinter unserem Grundgesetz, genau wie der EU-Charta: niemand darf benachteiligt sein. In der Folge steht das Sonderschulmodell generell zur Diskussion. Und trotzdem sage ich: ihr Politiker, Fachverbände und Elternorganisationen: lasst unsere Sonderschulen in Ruhe! Im Gegenteil: sorgt für ihren Bestand, für ihre neue therapeutische und integrative Ausrichtung, bezahlt den darin arbeitenden Fachkräften - Pädagogen, Therapeuten, Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Pflegekräften, dem Hausmeister, Koch und der Putzfrau ein ordentliches Salär - denn sie arbeiten hart. Sie arbeiten hart, um den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen ein beschütztes, anregendes Umfeld zu bieten - in dem diese sich gemäß ihren Fähigkeiten entfalten können und dürfen! Im Sinne von: "niemand darf benachteiligt werden!" Und sie haben viele Ideen, wie dies zu verbessern ist.
Die Lebenshilfe (e.V.) spricht vom "Wahlrecht" auf die passende Schule. In der Wirklichkeit müssen Eltern, die wollen, dass ihre behinderten Kinder die Regelschulen besuchen können, in der Regel und in vielen Teilen unserer Republik heftig darum kämpfen. Und haben demgemäß wenig Verständnis für die Sonderschulbefürworter. Sie haben meine volle Sympathie, denn: Nein, ich bin nicht gegen integrative Klassen. Ich finde sie gut. Ausdrücklich! Aber alle Konzepte ihrer generellen, wenn man so will: allgemeinen verwaltungstechnischen Umsetzung, haben mich nicht überzeugt. Vor allem habe ich etwas dagegen, dass es einen "Rest" gibt - die offensichtlich nicht Integrierbaren! Und den gibt es - machen wir uns nichts vor! Und: mein Kind gehört dazu! Und dabei ist sie noch unter den "Guten", will heißen, sie kann zwar nicht viel, ist aber dafür nicht übermäßig verhaltensauffällig, sie greift weder sich noch andere an. Nein, sie braucht einfach ihren beschützten Raum, ... Und den hat sie in integrativen Klassen nicht! Davon bin ich überzeugt. Sie braucht weiterhin "ihre" Sonderschule - gut ausgestattet ausserdem!
Am Anfang, als es erstmals halbwegs verdaut war, ein behindertes Kind zu haben, war ich anderer Meinung. Warum nicht integrativ in den Kindergarten, .. in die Schule, - eine Hoffnung auf Miteinander und sanfte Förderung. Baden-Württemberg mit seinen Sonderschulen erschien mir äußerst rückständig ... Dann kam die Kindergartenzeit. Meine mickrige Anna, die noch nicht richtig Laufen konnte in eine Gruppe mit 20 quirligen Kleinkindern? Ich hatte gesehen, wie es zuhause mit 4 bis 5 dieser Menschlein zuging. Also doch der Sonderschulkindergarten - 5 Kinder in der Gruppe, von Miteinander mit "normalen" keine Spur, dafür Schwimmen, Bewegungstraining und Reiten. Anna fands klasse, und wir bald auch - der Tag hatte plötzlich für mich ein paar Stunden mehr. Unbeschwerte Stunden, denn mein Kind war gut aufgehoben. Für die Schulzeit waren integrative Gruppen keine Alternative mehr. Eher schon die Art der Sonderschule. Die Förderung ihrer Kommunikationsmöglichkeiten schien uns wichtiger als alles andere. Und es war die richtige Wahl, denn in "ihre Schule" geht sie jetzt schon 9 Jahre. Immer glücklich, immer zufrieden. Nie ein Verweigern wenn der Bus kommt. Wie erhofft, hat sie Fortschritte gemacht, einen Stift nimmt sie aber bis heute nicht in die Hand, genauso, wie sie sich weigert Bilderbücher zu betrachten. Die Schule hat weitere Vorteile: es gibt dort zusätzlich Gymnasten und Ergotherapeuten. Das Schulgelände ist groß genug, um ihr einige Freiheiten zu ermöglichen - und beschützt genug, um einige Versuche zu wagen, denn, was für Hannah die Fahrt mit dem Bus zur Schule ist, ist für Anna bereits der Weg zur Einzelförderung übern Hof ins nächste Schulgebäude! Und - ist ein Lehrer / Betreuer krank, gehts ab in die Partnerklasse - den Kindern bekannt und örtlich ein paar Zimmer weiter. Wie angenehm das ist, fiel mir erst kürzlich auf, als ich Ute in Bremen fragte, wie das im dortigen System aufgefangen wird - der Rückgriff auf die Eltern bleibt - wie auch in "normalen" Schulen üblich, nicht aus ....
Mittlerweile haben auch in Baden-Württemberg integrative Klassen Zulauf, sind modern geworden. Kooperationen mit Grundschulen und Hauptschulen. Eine gute Sache denke ich, für alle "fitten" Kinder und Jugendlichen, (vor allem die große Gruppe der Jugendlichen mit Down-Syndrom) - und sehe erstaunt immer mehr "alte Bekannte" jetzt neu in der Heimsonderschule. Fröhlich und glücklich, wie in alten Zeiten. Es ging nicht mehr, sagen die Eltern, die Kinder, jetzt schon Jugendliche, haben verweigert. Sie sagten aber nicht einfach "hier ist mir alles zuviel", sondern sie änderten ihr Verhalten, ihr Benehmen - wurden zwangsläufig zu den nicht Integrierbaren. Manchmal hat es lange gedauert, bis ihre Überforderung von beiden Seiten registriert wurde - die Pädagogen vermuteten das Problem im häuslichen Umfeld, die Eltern bei den Pädagogen. Meist sind ungute Situationen entstanden, schließlich wollen alle Eltern, dass ihr Kind "mitgenommen wird". Und für eine Schule ist es vermutlich auch schwer einzugestehen, dass sie mit einem Kind "nicht mehr fertig wird". Beide Seiten - Eltern und Schule - müssen dann gegenüber dem Kostenträger erklären, warum das Kind / der Jugendliche jetzt doch wieder auf eine Sonderschule soll / muss ... Annas Schule hat deshalb im Laufe der Zeit immer mehr Anfragen von Eltern, und diese immer mehr Schwierigkeiten, die entsprechenden Kostenzusagen zu bekommen.
Anna ist jetzt 15 Jahre alt. Unser Augenmerk richtet sich auf Werkstufe und Förderbereich. Und wir sehen uns demselben Problem gegenüber. "Integrativ-arbeitende" Werkstattprojekte, heißt die Zielrichtung. Von denen gibt es noch nicht sehr viele, der Bedarf wird aber ansteigen. Denn immer mehr Eltern beginnen sich gegen die "Rückstufung" ihrer Kinder nach der Schulzeit in Fördergruppen, die eher Betreuungsgruppen sind, zu wehren. Hier muss noch viel getan werden. Neue Konzepte müssen entwickelt und umgesetzt werden. Umsonst wird dies alles nicht sein - und ich will nicht, dass der Kostendruck auf meinem Kind ausgetragen wird!
Daher betrachte ich, genau wie andere Eltern mit stärker eingeschränkten Kindern, die derzeitige Integrationsdiskussion mit gemischten Gefühlen. Wir wollen und gönnen allen, die dies wünschen und können die Integration in alle Lebensbereiche. Aber "Rest" sein wollen wir auch nicht. Wir gehören dazu, es darf keine, nicht einmal eine "gedachte" Grenze unter Behinderten geben. Es muss beide Systeme geben, mit echter Wahl - ohne Schranken und verwaltungstechnischen Hindernissen dazwischen, so dass ein Wechsel je nach Einzelsituation zu beliebigen Zeiten und in verschiedenen Lebensabschnitten möglich ist.
Deshalb ihr Entscheidungsträger aller Arten: lasst das Sonderschulsystem bestehen, "schüttet bitte das Kind nicht mit dem Bade aus - wir können alle das Badewasser noch brauchen!"
Anna's Mutter Agnes (2009)