Letzte Änderung: 13.09.2008

Thema Schule

5p- Info-Brief 1998/2

Leserbrief: Einschulung

Hallo liebe Mitglieder und Freunde,

In absehbarer Zeit wird Christian eine Sonderschule in Bachem, Bad Neuenahr-Ahrweiler besuchen. Diesem neuen Lebensabschnitt sind viele Diskussionen, Ängste und Überlegungen vorausgegangen. Es ist uns nicht leicht gefallen, zu entscheiden, ob Christian wegen seiner massiven Skoliose (er trägt ein Korsett) eine Körperbehinderten-Schule oder eine reguläre Schule für geistig behinderte Kinder besuchen soll. Wir haben uns dann beide Schulen angesehen.

Die Körperbehindertenschule ist ein riesiger Komplex mit über 30 Klassen. Sie soll angeblich vom geistigen Anspruch her höher angesiedelt sein, da die Kinder dort überwiegend körperbehindert und nur teilweise geistig behindert sind. Es wird dort zwar nocheinmal unterschieden, ob nur körperbehindert oder körperbehindert und geistig behindert, aber Christian würde hier wohl mehr mit Kindern zusammensein, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Hier sahen wir das Problem, dass Christian den Anreiz zum selbständigen Laufen verlieren könnte, nach dem Motto "wozu soll ich laufen, wenn ich auch gefahren werden kann?". Desweiteren ist bei dieser Schule mit einer Fahrzeit von schlimmstenfalls 4 Stunden pro Tag zu rechnen, was "reines Gift" für Christians Rücken wäre. Als Aufnahmekriterium für diese Schule gilt: Körperbehinderung ist ein muss, geistige Behinderung muss nicht sein. Es ist unklar, ob Christians massive Wirbelsäulenverkrümmung als Körperbehinderung "ausreichend" wäre.

Die andere Schule, die wir besucht haben, die Levana Schule in Bachem, ist eine geistig behinderten Sonderschule. Die Gebäude sind kleiner und gemütlicher, und wir hoffen dadurch auch familiärer. Die Schule legt Wert auf die Vermittlung lebenspraktischer Erfahrungen. Die Fahrzeit für Christian beträgt hier nur 1 Stunde pro Tag. Auch hier werden Krankengymnastik, Reiten, Musikunterricht und logopädische Betreuung geboten. Beide Schulen beginnen um 8.00 Uhr und enden um 15.30 Uhr. Nach Rücksprache mit Ärzten und den Erziehern von Christian, und letztlich auch wegen der Aussagen des Rektors der Körperbehinderten-Schule, haben wir Christian für die Levana Schule angemeldet.

Sicherlich haben wir uns auch Gedanken darüber gemacht, ob es nicht möglich ist, dass Christian eine Integrationsschule oder eine mit ähnlichen Schulkonzepten besucht. Wenn ich ehrlich bin, haben wir uns was die Integration im Schulsystem betrifft, nicht hartnäckig genug informiert und die Möglichkeiten außen vorgelassen Chris unter solchen bestimmten Voraussetzungen einzuschulen. Ich hatte aber auch Angst, dass Chris überfordert gewesen wäre. Und mich stört gewaltig, dass nach all den Schuljahren doch wieder nur Sondereinrichtungen in Betracht kommen. Integration fängt zu Hause, innerhalb der Familie, innerhalb der Gemeinde an. Und da möchte ich auch weiter daran arbeiten, dass das Bewusstsein für Behinderte geändert wird. Nach dem Motto: Es ist normal, verschieden zu sein!

Sicherlich ist die Schule am besten, in der Chris sich wohlfühlt, denn nur dann können wir auch Leistung von ihm erwarten. Und das ist natürlich etwas, das wir abwarten müssen.

Für mich selber kommt wie beim Start in den Kindergarten, das Problem des "Loslassens" hinzu. Ich weiß, dass diese Veränderung für Christian wichtig und gut ist, aber auf der anderen Seite würde ich ihn gerne noch "Jahre" im Kindergarten lassen, weil ich sicher bin, dass er sich da "sauwohl" fühlt. Das ist natürlich Blödsinn, aber da muss ich wohl durch.

Wir hoffen, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Wir haben "aus dem Bauch heraus" entschieden und nicht weiter bestimmte Lernziele verfolgt oder miteinander verglichen. Für uns ist in erster Linie das Wohlbefinden unseres Kindes wichtig. Der erste Eindruck der Schule war entscheidend. Schließlich soll er dort fast 12 Jahre verbringen!

So, das war's. Wir wünschen Euch allen alles Liebe und freuen uns auf ein Wiedersehen im September. Bis dahin werden wir ja schon "Schulluft" geschnuppert haben.

Christians Mutter Maria (1998)