"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden ". Dieser (Zu-) Satz steht seit 1994 in unserer Verfassung. Er gilt als Meilenstein der politischen wie pädagogischen Behindertenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Damit sind behinderte Menschen gleichberechtigt, den Nicht - Behinderten gleichgestellt.
Doch die bloße Formulierung der Rechte von behinderten Menschen reicht nicht aus. Nach wie vor müssen sie mit starken Beeinträchtigungen leben. Die Gestaltung des Alltags ist mit vielen Hindernissen versehen und der Zugang zum öffentlichen Leben noch nicht selbstverständlich.
Gleichberechtigung bedeutet demnach auch, das Anderssein als normal zu empfinden und die geistig behinderten Menschen als Partner zu akzeptieren. Gibt es Normalität und Akzeptanz im Umgang mit geistig behinderten Menschen, wenn es um Liebe, Sexualität und Partnerschaft geht?
Geistig behinderte Menschen sind weder besonders triebhaft noch asexuell. Sowohl die Dramatisierung als auch die Verniedlichung ihrer Sexualität sind unangebracht. Normal sollte sein, dass Liebe, Sexualität und Partnerschaft nicht behindert werden.
Behinderte sind ausgegrenzt aus dem erotischen und sexuellen Ideal dieser Gesellschaft und sie leben oft abgeschottet von sexuellen Erfahrungen und jenseits eines ereignisreichen Liebeslebens. Daraus entsteht oftmals eine fatale Haltung: Man traut ihnen weniger zu und erlaubt ihnen folglich auch wenig. Man sieht und erlebt sie weniger und übersieht dabei vieles. Man kennt sie weniger und erkennt von daher nicht, welche Bedürfnisse sie haben.
Auf diese Weise werden im Laufe der Zeit Erfahrungen und Entwicklungen behindert, weil Begegnungen in Verbindung mit Probieren, Experimentieren und Lernen verhindert werden. Dies wiederum erschwert die Entstehung eines gesunden Selbstbewusstseins im Zusammenhang mit Liebe, Sexualität und Partnerschaft bei geistig behinderten Menschen.
Prof. Joachim Walter aus Freiburg, ein ausgewiesener Fachmann zum Themenbereich "Sexualität und Behinderung" fordert "Liebe, Sexualität und Partnerschaft als selbstverständliches Grundrecht" auch bei geistig behinderten Menschen. Er versteht darunter:
Sexualität ist eine Art menschliches Grundbedürfnis, eine Art Lebensenergie und zudem sehr bedeutend für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen. Sexualität hat mit Trieb zu tun, aber auch mit Kopf bzw. Phantasie sowie mit Herz und Gefühl. Mal steht beim sexuellen Erleben der Verstand im Vordergrund, mal das Gefühl. Manchmal auch nur der Trieb. Werden all die genannten Aspekte in angenehmer Harmonie erlebt handelt es sich um ein glückliches sexuelles Erleben. Sexualität ist durchaus planbar und steuerbar, aber nicht gänzlich und nicht immer. Sie besitzt auch eine äußerst emotional - bewegende, nicht rationale Dimension, die uns treibt. Man kann sich der Sexualität hingeben und insofern hat sie auch etwas Überraschendes. Sexualität ist sehr persönlich gefärbt und kann gleichzeitig sehr vielfältig sein, so vielfältig wie die Menschen eben sind.
Man kann die Sexualität differenzieren in drei Bereiche. ( In Anlehnung an das Buch "Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen", Beltz Verlag 1995, Herausgeber ist die Bundesvereinigung Lebenshilfe. Ein sehr empfehlenswertes Buch mit verständlicher Theorie und anregenden Tipps für die Praxis ). Der äußere Bereich drückt sich in allgemein- menschlichen Beziehungen und Verhaltensweisen aus wie sich attraktiv fühlen, sich eine erotische Ausstrahlung geben, lachen und Sympathie ausdrücken, sich durchs Haar streifen, mit den Wimpern klimpern, mit den Augen flirten usw. Diesen Bereich erleben die meisten geistig behinderten Menschen.
Der mittlere Bereich drückt sich in Gefühlsregungen, Liebeswünschen, Erotik und konkreten Gefühlsäußerungen aus. Man verhält sich und handelt. z.B. jemanden's Nähe genießen bzw. spüren wollen, aufgeregt und verlegen sein, rot werden, Händchen halten, küssen und schmusen usw. Auch diesen Bereich erleben viele geistig behinderte Menschen.
Der engere Bereich umfasst die intensiven Formen körperlicher Lust und Liebe, ob nun homosexuell, heterosexuell, bisexuell oder autoerotisch. Hierbei geht es auch um die sexuelle Gemeinsamkeit und Intimität zweier Menschen. Diesen Bereich erleben viele geistig behinderte Menschen eher wenig, gar nicht oder nur teilweise.
Normalerweise entwickelt sich der Körper bei geistig behinderten Heranwachsenden wie bei Nichtbehinderten auch, also altersentsprechend. Die Verzögerungen und Ungleichzeitigkeiten liegen in der psychischen, intellektuellen bzw. der psycho - sexuellen Entwicklung. Die besonderen Fragen zur Sexualität können nur unter Berücksichtigung persönlicher Kriterien angemessen angegangen und beantwortet bzw. gelöst werden. Was nicht behinderte Jugendliche im Durchschnitt während ihrer Pubertät durchleben machen geistig behinderte Jugendliche oftmals als junge und mittlere Erwachsene durch, also später, mitunter länger andauernd und evtl. auch etwas dramatischer. Die verschiedenen Äußerungen und Verhaltensweisen in sexueller Hinsicht müssen also auf dem Entwicklungshintergrund der einzelnen geistig behinderten Person gesehen werden. Und wie in anderen Lebensbereichen auch brauchen geistig behinderte Menschen häufig mehr Hilfe, mehr Beratung und mehr Unterstützung als dies Nichtbehinderte brauchen, um Sexualität, Liebe und Partnerschaft angemessen leben zu können. Das Besondere in Sachen "Sexualität und Sexualerziehung bei geistig behinderten Menschen" liegt folglich nicht in ihrer Andersartigkeit, sondern im Hilfebedarf
In der Gruppe, es waren ca. 25 Teilnehmerinnen anwesend, entwickelte sich eine sehr lebhafte, engagierte und offene Diskussion. Man tauschte sich aus über die Erfahrungen, die mit den eigenen Kindern in Sachen Sexualerziehung gemacht werden. Ängste und Zweifel, aber auch Ratschläge, Tipps und Zuversicht wurden so gegenseitig vermittelt. Es entstand eine konstruktive Gesprächskultur, innerhalb derer u.a. folgende Themen in der Gruppe besprochen wurden:
Wie kann ich eine angemessenere Balance zwischen Zutrauen gegenüber meiner Tochter und Angst vor einer möglichen Schwangerschaft entwickeln?
Wie kann ich mit meinem jungen, erwachsenen Sohn darüber ins Gespräch kommen, dass sein Wunsch nach Vaterschaft und Familie unrealistisch ist?
Wann ist eine Sterilisation angemessen und wann nicht?
Welche sexualpädagogischen Medien sind hilfreich in der Erziehung und was ist bei Ihrem Einsetzen zu beachten?
Mein erwachsener Sohn verfügt nicht über die Technik der Selbstbefriedigung, es wäre aber wichtig für ihn, wenn er sie beherrschen würde. Wie kann man damit umgehen?
Mein Kind zeigt so gut wie keine sexuellen Interessen, soll ich es dann auch nicht altersgemäß mit Hygiene, Sexualität und Sexualerziehung konfrontieren?
Das distanzlose Verhalten meiner Tochter besorgt mich, wie kann ich sie vor möglich sexuellen Übergriffen schützen?
M. Erhardt (2001)