Letzte Änderung: 13.09.2008

Selbstverletzendes Verhalten, Stereotypien

Interventionsmöglichkeiten durch Kommunikationsförderung

5p- Info-Brief 2003/6

von Claudia Wessels.
Übungsmaterialien zu einer Klausur
Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Universität Bremen

  1. Einleitung
  2. Selbstverletzende und stereotype Verhaltensweisen
    1. Definition und Beschreibung
    2. Erklärungsansätze der Entstehung und Aufrechterhaltung unter Einbezug der Funktionen
      1. Biologische Erklärungsansätze
      2. Umweltfaktoren
      3. Lerntheoretischer Ansatz
      4. Psychoanalytische Ansätze
      5. Entwicklungspsychologischer Erklärungsansatz
      6. Funktionen von STV und SVV
    3. Therapeutische Methoden (Überblick)
      1. Veränderung vorangehender Bedingungen
      2. Veränderung nachfolgender Bedingungen/ Lerntheoretische Methoden
      3. Medikamentöse Therapie
      4. Fixierungen
      5. Körperbezogene Therapiemethoden
      6. Aufbau alternativer Verhaltensweisen
  3. Kommunikation
    1. Definition und Beschreibung
    2. Entwicklung und Funktion von Kommunikation
      1. Entwicklung und Funktionen der Kommunikation
    3. Entwicklung der Komm. bei Menschen mit geistiger Behinderung oder Autismus
      1. Definition Geistige Behinderung und Autismus
      2. Kommunikationsentwicklung
  4. Zusammenhang stereotypes, bzw. selbstverletzendes Verhalten und Kommunikation
  5. Therapie
    1. Diagnose und Therapieplanung
      1. Diagnostik von SVV und STV
      2. Diagnostik der kommunikativen Kompetenzen, Motorische Fähigkeiten
      3. Diagnostik der sensorischen Präferenz, Verstärkerwirksamkeit
    2. Interventionsmöglichkeiten durch Kommunikationsförderung
      1. Förderung des grundlegenden kommunikativen Austauschs
      2. Förderung der funktionalen Kommunikation:
  6. Schlussbemerkung

1. Einleitung

In der vorliegenden Klausur möchte ich mich mit der übergeordneten Fragestellung beschäftigen, inwiefern die Kommunikationsförderung eine geeignete Interventionsmöglichkeit für Selbstverletzende Verhaltensweisen (im folgenden kurz SVV) und stereotype Verhaltensweisen (kurz STV) darstellen kann.

Hierbei möchte ich mich ausschließlich auf den Personenkreis der Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen konzentrieren. SVV als Symptom psychischer Erkrankungen (z.B. Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Sucht, posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen (Suizid)) und die Form der gesellschaftlich anerkannten SV (z.B. Tätowierung, Piercing, Schönheits- OP) werden an dieser Stelle entsprechend nicht behandelt.

In meiner Darstellung werde ich zunächst den Bereich der o.g. Verhaltensauffälligkeiten beschreiben. Daraufhin folgt der Bereich der Kommunikation. Im darauf folgenden Kapitel werde ich den Zusammenhang dieser beiden Bereiche erläutern, bevor ich verschiedene Interventionsmöglichkeiten aufführen werde. Hierbei werde ich mich schwerpunktmäßig auf die Kommunikationsförderung beziehen.

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2. Selbstverletzende und stereotype Verhaltensweisen

2.1. Definition und Beschreibung

SVV sind Verhaltensweisen, die sich gegen den eigenen Körper richten, die meist stereotyp und mit hoher Geschwindigkeit ablaufen und dem eigenen Körper physische Schädigung oder extreme Reizung zufügen. Sie können intentional oder automatisiert ablaufen. Synonym wird der Begriff ãAutoaggressionÒ verwendet. Von dieser Terminologie möchte ich jedoch Abstand halten, da mit Aggression immer eine zerstörerische Absicht verbunden wird, was diese Bezeichnung meiner Meinung nach negativ behaftet.

Die häufigsten SVV sind zum Beispiel: mit dem Kopf schlagen, gegen den Kopf oder Körper schlagen, Augen drücken, Haare ausreißen, Beißen, Kratzen, Selbstinduziertes Erbrechen, Essen ungenießbarer Gegenstände.

STV sind gleichförmige, in ihrer Form durch Umweltbedingungen weitgehend unbeeinflusste Bewegungen, die wiederholt (unter Umständen rhythmisch) auftreten, keine offensichtlichen Ziele haben und weder dem Alter noch der aktuellen Situation entsprechen. Auch hier können langfristig oft selbstschädigende Konsequenzen (z.B. Haltungsschäden) entstehen.

Als Beispiele seien hier genannt: Körperschaukeln, -drehen, Kopfrollen, -nicken etc., Handstarren, -wedeln, Klopfen gegen Gegenstände, Schlagen mit Gegenständen, Drehen oder zwirbeln von Fäden, Worte ständig wiederholen, usw..

Häufig treten bei SVV parallel STV auf (bei 98%). Einige Autoren gehen davon aus, dass aus STV unter bestimmten Bedingungen SVV entstehen kann.

Prävalenz (Auftretenshäufigkeit)

Nahezu alle Autoren, die sich mit der Thematik beschäftigen, weisen eindeutig darauf hin, dass keine repräsentativen Zahlen für die Häufigkeit SVV oder STV existieren. Deshalb soll an dieser Stelle auf die Nennung von Zahlen verzichtet werden.

Allgemein lässt sich sagen, dass diese Verhaltensauffälligkeiten zu einem relativ hohen Prozentsatz bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung (kurz GB) und bei autistischen Personen zu beobachten ist. Besonders betroffen sind hierbei Menschen, die in Institutionen leben. Je schwerer das Behinderungsbild ist, desto höher ist auch die Auftretenswahrscheinlichkeit dieser Verhaltensweisen.

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2.2. Erklärungsansätze der Entstehung und Aufrechterhaltung unter Einbezug der Funktionen

2.2.1. Biologische Erklärungsansätze

Selten werden Stoffwechselstörungen oder ein genetischer Defekt als Ursache beschrieben.

SVV können durch vorliegende Schmerzzustände begründet sein (z.B. Mittelohrentzündung). Wenn dem betroffenen Menschen keine Möglichkeit zur Mitteilung und somit Beseitigung der Schmerzen zur Verfügung steht, können SVV als Ablenkung von den Schmerzen dienen, da selbst zugefügte Schmerzen die Schmerzempfindlichkeit herabsetzen.

Auch Prozesse im ZNS werden als Ursache für SVV und STV herangezogen.

Faktoren: Hier wird eine Störung der biochemischen Reizübertragung des Serotonin-, Dopamin- und Endorphinhaushaltes oder Über- oder Unterempfindlichkeit entsprechender Rezeptoren diskutiert. U.U. bewirken diese Störungen eine Überempfindlichkeit oder Deprivation gegen Außenreize. Diese neurobiologischen Entstehungstheorien sind jedoch noch nicht bewiesen.

Auch elektrophysiologischen Faktoren: wird von einigen Autoren eine Bedeutung zugesprochen. Diese beobachten EEG- Veränderungen bei betroffenen Personen (v.a. im Bereich des Hippocampus), was auf Schwierigkeiten in der Reizverarbeitung (mangelnde Redundanzbildung) hinweist. Bei betroffenen Personen ist das sogenannte Theta- Muster (Feuser) im EEG, welches bei neuen Reizen zu beobachten ist, länger sichtbar. Jeder Reiz wird als neuer Reiz vollständig wahrgenommen. Betroffene versuchen sich vor diesen unangenehmen Gefühlen und Reizüberflutung zu schützen, indem sie ihr Wahrnehmungsfeld auf ST oder SVV richten. Diese bekannten Reize können die neuen, bedrohlichen Reize überlagern.

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2.2.2 Umweltfaktoren

Auch Umweltfaktoren können die Auftretenswahrscheinlichkeit von SVV oder STV erhöhen. Räumliche (z.B. Bewegungseinschränkung), sächliche (z.B. Verfügbarkeit von Beschäftigungsmaterialien) und situative Faktoren (z.B. Sensorische Ereignisse), sowie soziale Isolation und Deprivation können Einfluss haben.

2.2.3 Lerntheoretischer Ansatz

Der lerntheoretische Ansatz geht davon aus, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit von SVV und STV in einigen Fällen erlernt sein kann. Die Annahmen hierzu beruhen auf dem Vorgang des operanten Konditionierens (nach SKINNER). Das heißt, dass Verhalten maßgeblich durch nachfolgende Bedingungen (Verstärker) bestimmt wird. Durch diese Verstärker kann zufälliges Verhalten als positiv Empfunden werden, wodurch die entsprechende Person dieses Verhalten u.U. künftig zweckgebunden einsetzen wird. Im Bereich der hier beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten sind hier drei relevante Verstärkerhypothesen zu nennen:

Vermeidungshypothese (negative Verstärkung): Werden Anforderungen oder Verbote zurückgenommen, wenn die betroffene Person hierauf mit SVV oder STV reagiert, wird das Verhalten negativ verstärkt.

Hypothese der positiven Verstärkung: Erfolgt auf SVV oder STV Aufmerksamkeit, wird das Verhalten positiv verstärkt.

Hypothese der Sensorische Verstärkung: Bei sensorischer Deprivation werden SVV und STV durch die dadurch hervorgerufenen sensorischen Erfahrungen belohnt und somit verstärkt

Häufig wirken verschiedene Verstärker zusammen. Wird z.B. auf SVV nach Anforderungen sowohl die Anforderung zurückgenommen, als auch Zuwendung erteilt, wird das Verhalten doppelt verstärkt. Auch bei sensorisch verstärktem Verhalten findet eine doppelte Verstärkung statt, wenn zusätzlich Aufmerksamkeit erfolgt.

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2.2.4. Psychoanalytische Ansätze

Der psychoanalytische Ansatz geht von dem Prinzip der Homöostase aus. Hierunter ist das Bestreben eines jeden Individuums nach einem inneren Gleichgewichtes zu verstehen, was hier die Aufrechterhaltung des optimalen zentralnervösen Erregungsniveaus bedeutet. Ist dieses z.B. durch eine Wahrnehmungsstörung, Deprivation, o.ä. verhindert, versucht das Individuum evtl. durch SVV und STV dieses optimale Niveau zu erreichen.

2.2.5 Entwicklungspsychologischer Erklärungsansatz

STV (und mit Einschränkungen SVV) werden in diesem Ansatz als ein Element der Normalentwicklung betrachtet. STV gehören hiernach zum normalen Verhaltensrepertoire in bestimmten Entwicklungsphasen und sind ma§geblich an der Reifung des ZNS beteiligt seien. So spricht Piaget z.B. von sog. Primären und sekundären Zirkulärreaktionen, in denen bestimmte motorische Schemata in verschiedenen Situationen wiederholt werden, da noch keine adäquate Anpassung an bestimmte Situationen oder Gegenstände möglich ist. Diese STV verschwinden bald, nicht aber bei Menschen mit Behinderung; Aufrechterhaltende Ursachen: sensorische und soziale Deprivation, Störung der Mutter Kind Interaktion, Heimunterbringung, Versagen der Umwelt, Sinnesbehinderung, verlangsamte kognitive Entwicklung, Mangel an angemessenen Handlungsstrategien, keine alternativen Möglichkeiten (fehlende Vorbilder, Körpeerbehinderung)

Es sollte nie eine Ursache oder Theorie der Entstehung und Aufrechterhaltung isoliert betrachtet werden. Vielmehr ist von einem multikausalen Ansatz von biologischen, psychischen und sozialen Ursachen auszugehen, um der Vielschichtigkeit dieser Verhaltensauffälligkeit gerecht zu werden.

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2.2.6 Funktionen von STV und SVV

In den Entstehungstheorien wurde deutlich, dass STV und SVV nicht nur als bloßes pathologisches Symptom betrachtet werden darf. Vielmehr erfüllen sie für den Betroffene verschiedenste Funktionen mit teilweise entwicklungsrelevanten oder gar existenzsichernden Bedeutungen und sind somit entwicklungslogisch.

Zusammengefasst sind diese Funktionen:

Ausdruck der Körperbefindlichkeit, Wahrnehmungssteuerung (Zuführen oder vermeiden von Reizen), Umweltsteuerung (Herbeiführen oder vermeiden von Situationen oder sozialer Aufmerksamkeit)> es wurde deutlich, dass diese Funktionen in vielen Fällen als ein Instrument der Interaktion und Kommunikation eingesetzt wird.

Trotz der existenzsichernden Aufgabe dieses Verhaltens sind SVV und STV Verhaltensweisen, welche in der Entwicklung behindern oder gar bedrohliche Auswirkungen haben. Diese liegen nicht nur im körperlichen oder kognitiven Bereich, sondern auch im sozialen Kontext. Gerade SVV bewirken im sozialen Umfeld eine starke Betroffenheit und Ratlosigkeit und führen in vielen Fällen sicherlich zu einer verstärkten Isolation der Betroffenen (Heimunterbringung, Fixierung, Meidung), was u.U. wiederum eine Verstärkung für das SVV darstellen kann. Es entsteht ein Teufelskreis, welcher den Betroffenen zunehmend isoliert. Diesen Kreis gilt es durch eine geeignete therapeutische Interventionen zu durchbrechen.

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2.3. Therapeutische Methoden (Überblick)

Im Hinblick auf die Ursachen und Funktionen von SVV und STV stehen folgende allgemeine Ziele im Vordergrund, die insgesamt zu einer Reduzierung des Verhaltens führen können:

Um für diese Zielbereiche die geeignetste/n Möglichkeit/en der therapeutischen Intervention herauszufinden, ist immer eine vorangehende eingehende Diagnostik erforderlich. Auf diesen Aspekt werde ich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingehen (vgl. 4.1.1).

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2.3.1 Veränderung vorangehender Bedingungen

Eine Möglichkeit der Therapie stellt die Veränderung der Elemente einer Situation dar, die STV und SVV begünstigen (Erfassung durch Setting- Event). Z.B. Raumorganisation (Reize im Raum), Spielmaterialien mit angepassten sensorischen Eigenschaften oder sensorische Stimulation, Änderung des Tagesablaufes, Art der Aufgabenstellungen, Hilfestellungen, Verstärkung positiven Verhaltens vor kritischen Situationen. Hierbei erachte ich es jedoch als fraglich, ob diese Methode alltagstauglich ist, also auf die gesamte Lebenssituation ausgeweitet werden kann

2.3.2 Veränderung nachfolgender Bedingungen/ Lerntheoretische Methoden

1.3.2.1 Bestrafung

Bestrafungen des Verhaltens können zu einer Unterdrückung von STV und SVV führen. Hierfür werden Strafreize gesetzt.(z.B. Elektroschocks, unangenehme Gerüche, Wasser in das Gesicht sprühen) oder positive Handlungsergebnisse entzogen.

Diese Methode führt kurzfristig zwar zu schnellen Ergebnissen, beachtet meiner Meinung nach jedoch nicht die Funktionen, die das Verhalten für den Betroffenen hat. Ferner werden keine Handlungsalternativen angeboten. Zudem erachte ich diese Methode auch als ethisch fraglich, da ich eine Bestrafung von entwicklungslogischem Verhalten als nicht pädagogisch empfinde.

1.3.2.2 Time-Out (Ausschluss)

Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, welches vor allem bei sozial verstärkten Verhaltensauffälligkeiten eingesetzt wird. Hierbei erfolgt auf SVV eine zeitlich begrenzte räumliche Trennung oder Abwendung des Interaktionspartners. Die Handlungssituation wird unterbrochen.

Zeitweise führt diese Methode jedoch auch zu einer Verstärkung des Verhaltens (soziale Isolation) und ist so nur begrenzt einsetzbar. Ferner kann dieses Verfahren als eine Form der Bestrafung empfunden werden. Ein großer Nachteil hierbei ist, dass keine alternativen Verhaltensweisen aufgebaut werden können.

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1.3.2.2 Überkorrektur

Bei der Überkorrektur werden alternative Bewegungen ausgeführt, die mit dem problematischen Verhalten nicht vereinbar sind. Für jede stereotype Verhaltensweise wird eine "korrekte" Verhaltensalternative festgelegt. Auf das Wedeln mit dem Kopf folgt so z.B. ein fünf Minuten dauerndes Bewegungstraining mit dem Kopf nach Anweisung des Therapeuten.

Die Methode der Überkorrektur führte in vielen Fällen zu deutlichen Veränderungen des problematischen Verhaltens, sie erwies sich auch als effektiver als die Methode der Bestrafung.

2.3.3 Medikamentöse Therapie

Die Medikation mit Psychopharmaka ist neben der Fixierung die am häufigsten angewendete Intervention bei SVV. Untersuchungen zu den einzelnen Medikamenten ergaben allerdings meist uneindeutige Ergebnisse. Die meisten Erfolge werden mit Lithium und Neuroleptika (Thioridazin, Chlorpromacin, Haloperidol) erzielt. Die Vorstellungen über die Wirkungsweise der Medikamente sind aber noch unzureichend, woraus sich ein gro§er Forschungsbedarf ableitet.

Auch diese Therapieform darf nicht als Wundermittel erachtet werden. Zwar ist in einigen Fällen eine Verminderung der Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten, jedoch ist über mögliche Langzeitfolgen der Dauermedikation noch wenig bekannt. Ferner werden keine alternativen Möglichkeiten aufgebaut, sodass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Absetzen des Medikamentes zu einem Anstieg dieser Verhaltensweisen kommen wird.

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2.3.4 Fixierungen

Die Intensität und Häufigkeit von Autoaggressionen zwingen in Verbindung mit Personalmangel oft zu Fixierungen oder Schutzvorrichtungen (Schutzhelme, Hand- und Beinfesseln oder Bauchgurte). Der Einsatz von Fixierungen ist meiner Meinung nach jedoch eine oft nicht zu vermeidende Notlösung, die den Betroffenen zwar vor Verletzungen schützen, jedoch keineswegs zu einer Verbesserung der Situation beitragen und ihn häufig in allen Handlungen behindern. Dem Betroffenen wird durch diese Maßnahmen vielmehr eine ihm individuell wichtige Handlungsmöglichkeit genommen, ohne adäquate Alternativen anzubieten. Daher verwundert es nicht sehr, dass es in diesem Rahmen häufig zu einer Symptomverschiebung kommt, indem sich der Betroffene eine andere Möglichkeit der SV sucht.

Der Abbau von Fixierungen ist oft schwierig und führt anfangs zu erhöhtem SVV. Er sollte stufenweise erfolgen (z.B. Helm zeitweise öffnen, dann eine Mütze, ein Handtuch, ein Stirnband und es schließlich nur noch einen Aufkleber auf der Stirn anbieten). Die Zeitintervalle ohne Fixierungen sollten immer länger werden. In dieser Zeit sollte alternatives Verhalten gefördert werden.

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2.3.5 Körperbezogene Therapiemethoden

Vorangegangene Beschreibungen haben gezeigt, dass gerade bei Menschen mit schwerer Beeinträchtigung SVV und somit der gesamte Körper als Interaktionsmittel anzusehen ist.

Hierzu gehören z.B.:

Diese Verfahren bieten eine Möglichkeit reizverarbeitende Prozesse zu verbessern und eine basale Interaktion zu ermöglichen. Jedoch ist gerade in der Zusammenarbeit von Menschen mit autistischen Störungen der notwendige Körperkontakt häufig nur schwer zu erreichen oder gar unmöglich.

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2.3.6 Aufbau alternativer Verhaltensweisen

Um den langfristigen Abbau von STV und SVV zu erreichen, müssen die Betroffenen alternative Verhaltensweisen erlernen, um nicht auf die Äußerung von Bedürfnissen verzichten zu müssen. Die im folgenden vorgestellten handlungserweiternden Verfahren sollten ebenfalls ergänzend zu den bisher dargestellten eingesetzt werden.

2.3.6.1 Differentielle Verstärkung alternativer Verhaltensweisen

Innerhalb dieser Vorgehensweise werden alle Handlungen des Betroffenen verstärkt, die nicht mit STV und SVV in Verbindung stehen.

Die differentielle Verstärkung anderen Verhaltens (DRO) sieht eine Belohnung vor, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraums keine Verhaltensauffälligkeiten auftreten.

Die differentielle Verstärkung inkompatiblen Verhaltens (DRI) plant dagegen die Auszeichnung aller Handlungen, die vom Bewegungsablauf und der Körperhaltung her mit selbstverletzendem Verhalten nicht vereinbar sind. Dazu müssen die entsprechenden Bewegungen vom Betreuer angeboten werden, es kann jedoch auch auf Bewegungsformen des Betroffenen selber zurückgegriffen werden.

Die differentielle Verstärkung alternativen Verhaltens (DRA) stellt die Bemühung dar, den Handlungsspielraum des Betroffenen zu erweitern. Es werden z.B. Kommunikations- und Selbständigkeitstrainings durchgeführt, um selbstverletzendes Verhalten entbehrlich zu machen.

Diese drei Verstärkungsstrategien können einzeln, aber auch kombiniert angewendet werden, um dem Betroffenen die bestmögliche Chance auf ein Leben ohne SVV oder STV zu bieten.

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2.3.6.2 Selbständigkeitstraining

Das Selbständigkeitstraining sollte generell Bestandteil pädagogischer Förderung sein. Ein umfangreiches Handlungsrepertoire kann zum Abbau STV und SVV beitragen, da so alternative Handlungen die Funktionen von STV und SVV übernehmen können.

2.3.6.3 Körperorientierte Ansätze

Auch physiotherapeutische Behandlungsformen werden in diesem Zusammenhang eingesetzt. Diese tragen nicht nur zur Entspannung und gesteigerten Verarbeitung der Sinneseindrücke bei, sondern auch zu einer Erweiterung der Bewegungsmöglichkeiten, wodurch eine Erhöhung alternativer Handlungsmöglichkeiten erzielt werden kann.

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2.3.6.4 Kommunikationsförderung

Diese Behandlungsmethode beruht auf der Annahme, dass selbstverletzendes Verhalten eine Form der Äußerung von Bedürfnissen darstellt. Vor allem Menschen mit geistiger Behinderung sind häufig in ihren Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt und versuchen u.U. auf diesem Weg Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten.

Auf diese Fördermethode werde ich zu einem späteren Zeitpunkt jedoch noch genauer eingehen.

Wie bereits mehrfach betont erfüllen STV und SVV für den betroffenen Menschen wichtige interaktive Funktionen. Ziel einer Therapie kann und darf demnach nicht die bloße Beseitigung und Löschung des auffälligen Verhaltens sein. Vielmehr müssen die Entstehungsursachen und Funktionen beachtet werden.

Die Autoaggressionstherapie sollte daher eine Verknüpfung mehrerer therapeutischer Interventionen sein, die sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten Individuum orientieren.

Eine langfristige Chance ergibt sich meiner Meinung nach nur durch den parallelen Aufbau alternativer Verhaltensweisen.

Da sich bei der Betrachtung der erarbeiteten Aspekte verdeutlicht, dass v.a. die interaktiven und kommunikativen Funktionen der STV und SVV im Vordergrund stehen, möchte ich mich im Folgenden genauer mit der Interventionsmöglichkeit durch die Kommunikationsförderung befassen.

Hierfür werde ich zunächst eine kurze Darstellung der Entwicklung und Bedeutung von Kommunikation geben. Im Anschluss werde ich nochmals den Zusammenhang von STV/ SVV und Kommunikation erläutern, bevor ich die Kommunikationsförderung genauer darstelle.

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3. Kommunikation

3.1 Definition und Beschreibung

Kommunikation ist jegliches Verhalten in zwischenmenschlichen Situationen. Auch Nichthandeln, Nichtbeachten oder Schweigen ist daher Kommunikation.

Linguistische Kommunikationsmodelle bestehen i.d.R. aus drei Elementen: Sender >> Mitteilung >> Empfänger

Dieses Grundmodell ist erweiterbar durch die Elemente: Code (den Sender und Empfänger verwenden), Kontext (situativ, zeitlich, thematisch).

Der Empfänger interpretiert (dekodiert) aktiv die Mitteilung auf Grundlage seiner bisherigen Erfahrungswerte. Die Möglichkeit den verwendeten Code des Kommunikationspartners zu dekodieren ist Voraussetzung für eine gelungene Kommunikation. Dabei stellt Kommunikation nicht nur einen Austausch von sprachlich kodierten Inhalten dar, sondern wird von vielen nonverbalen Kanälen ergänzt (Mimik, Gestik, Blickverhalten, Körperhaltung aber auch die Stimmqualität und die Klangfarbe der Stimme selbst).

Ferner laufen parallel unbewusst interaktionsregulierende Prozesse ab. Die Kommunikation findet also auf zwei Ebenen statt. Einerseits wird eine direkte Botschaft vermittelt (Mitteilungsebene). Auf der anderen Seite kommt es während der gesamten Kommunikation zu einer gegenseitigen Abstimmung der Interaktionspartner (sog. Turn-taking), wodurch auch der Sender ein Feedback des Empfängers erhält (Regulationsebene).

Um diese komplexen Vorgänge bewältigen zu können, benötigt der heranwachsende Mensch Kommunikationserfahrungen, um selbst ein kompetenter Kommunikationspartner werden zu können.

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3.2 Entwicklung und Funktion von Kommunikation

3.2.1 Entwicklung und Funktionen der Kommunikation

Eine Vielzahl der Autoren beschreiben die Entwicklung der Kommunikation in Stufen. Im Folgenden möchte ich mich bei der Darstellung auf das Stufenmodell der kommunikativen Entwicklung von BATES et al. (1979) beziehen. Dieses geht von einer dreistufigen Entwicklung aus:

  1. perlokutionäres Stadium: unbeabsichtigte Einwirkung auf den Partner
  2. illokutionäres Stadium: nonverbale Signale gezielt zur Verhaltenssteuerung eingesetzt intentionale Kommunikation m. vorsprachlichen Mitteln
  3. lokutionäres Stadium: Verständigung mit sprachlichen Mitteln

Hinsichtlich der Form der kommunikativen Verhaltensweisen bedeutet dieses:

 
verbal
vokal
nonverbal unwillkürlich
Stufe 3
symbolischer
wortgebrauch
sprachbegleitende
vokale Äußerungen
beschreibende
Gesten
körperliche
Reaktionen wie:
Erröten,
Schwitzen
Stufe 2
sprachähnliche
Lautfolgen
interaktionsregulierende
Vokalisation
zeigen -
Stufe 1
-
schreien,
babbeln
greifen -

Dieses Modell zeigt, dass das Kind ist schon von Geburt an ein aktiver und kommunikationswilliger Interaktionspartner ist (einige Autoren gehen davon aus, dass Kommunikation bereits im Mutterleib stattfindet > das Kind reagiert z.B. auf Geräusche oder Druckeinwirkung). Es äußert seine Befindlichkeiten durch z.B. Schreien und eine relativ undifferenzierte Gestik und Mimik, die es mit der Zeit mehr und mehr zu beherrschen lernt. Man kann also sagen, dass der Säugling bereits zum Zeitpunkt seiner Geburt ein umfangreiches biologisches Programm mitbringt, welches ihn in die Lage versetzt, eine Interaktion zu steuern.

Die Eltern passen sich intuitiv dem Entwicklungsniveau des Kindes an. Ferner stimulieren die Eltern das kindliche Interaktionsverhalten durch Verhaltensweisen, welche die Aufmerksamkeit des Kindes hervorrufen. Dabei bedienen sich die Eltern einer vereinfachten Sprache. Sie sprechen langsam, wiederholen Äußerungen und verdeutlichen ihren Absichten teilweise mit übertriebener Gestik und Mimik (Motherese). Es wird hierbei die Auffassung vertreten, dass hier intuitiv das Niveau leicht über dem Kommunikationsverhalten des Kindes liegt und somit das Kind ein Vorbild/ Modell für höherwertige Handlungen erhält. Mit einer geduldigen Regelmäßigkeit beantworten die Eltern undifferenzierte Interaktionsmuster, welchen sie eine bestimmte Bedeutung zuschreiben, indem sie unter anderem Signale und Zeichen des Kindes imitieren oder in gleichbleibender Form darauf reagieren. Dies ist eine wichtige Rückmeldung für das Kind. Es macht die Erfahrung, dass seine kommunikativen Bemühungen Erfolg haben und seine Handlungen Veränderungen in der Umwelt hervorrufen. Das Kind wird so motiviert, seine Verhaltensweisen zu wiederholen und sie zu variieren, Reaktionen der Eltern werden für das Kind voraussehbar, es lernt bestimmte Interaktionen durch Wiederholung zu generalisieren.

Die Bezugsperson zeigt hierdurch von Beginn an ein intuitives Verhalten (angeborene ãelterliche DidaktikÒ (Papousek)), das außerordentlich wichtig für die Kompetenzentwicklung ihres Kindes ist: sie schreibt einfach dem Kind Kompetenzen zu. Sie betrachtet ihr Kind als einen gleichberechtigten Kommunikationspartner, der etwas zu sagen hat und dessen "mitgeteilter" Inhalt von Bedeutung ist. Durch eine enge Bindung sind sie in der Lage die Inhalte zu deuten und adäquat hierauf zu reagieren. Dieses bedeutet zusätzlich eine wichtige Beziehungserfahrung für das Kind (es fühlt sich verstanden), welche für die Persönlichkeitsentwicklung (Selbstbild) bedeutsam ist.

Bereits im ersten Lebensjahr beginnt das Kind seine Umwelt zu erkunden. Es macht Erfahrungen mit dem Fuß, der Hand und dem Mund, indem es Objekte ergreift und begreift. Seine soziale Interaktion geschieht auf immer differenziertere Weise. Das Kind lernt seine Umwelt zu steuern.

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Auf der Basis des lernunterstützenden Verhaltens der Umwelt und seiner allgemeinen kognitiven Entwicklung hat das Kind die Basisprinzipien der Kommunikation erworben: das Prinzip der Intentionalität (sich an einen Partner wenden um Ziele und Absichten zu realisieren) und der Reziprozität (sich in einer wechselnden Rolle im Gespräch verstehen, als "Sender" und/oder als "Empfänger").

Im zweiten Lebensjahr lernt das Kind zusätzlich, verbale Äußerungen zur Kontaktaufnahme und Verhaltenslenkung des Kommunikationspartners zu nutzen.

In ihrer weiteren Entwicklung können Kinder dann zunehmend ihre Vorstellungen äußern und zielstrebig handeln. Mit Hilfe der Sprache kann sich das Kind erinnern, planen, logisch denken, analysieren, Missverständnisse klären und sich mit anderen austauschen.

die kommunikativen Funktionen:

Eine funktionierende Interaktion mit der Umwelt ist Grundstein für die Kommunikationsentwicklung des Kindes. Eine funktionierende Kommunikation wiederum ist Grundlage für die gesamte Entwicklung des Menschen, da hierin die Möglichkeit liegt sich in Kontakt mit entwicklungsnotwendigen Gegenständen, Begebenheiten oder Situationen zu bringen. Zu kommunizieren ist daher ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen und unerlässlich für die körperliche (z.B. Motorik erlernen durch eingeforderte Materialien), intellektuelle und soziale Reifung, da durch sie entwicklungsrelevante Erfahrungen auf allen Ebenen ermöglicht werden. Die Entwicklung ist somit abhängig von Interaktionserfahrungen.

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3.3. Entwicklung der Komm. bei Menschen mit geistiger Behinderung oder Autismus

3.3.1 Definition Geistige Behinderung und Autismus

Geistige Behinderung:

"Als geistig behindert gilt, wer in seiner psychischen Gesamtentwicklung und seiner Lernfähigkeit so sehr beeinträchtigt ist, dass er voraussichtlich lebenslanger sozialer und pädagogischer Hilfen bedarf. Mit den kognitiven Beeinträchtigungen gehen solche der sprachlichen, sozialen, emotionalen und der motorischen Entwicklung einher."

Autismus:

"Autismus ist eine schwere chronische Verhaltensstörung, bei der die Einschränkung des Kontakts, die Bezogenheit auf sich selbst im Vordergrund steht."

Autismus ist ein Syndrom Ð eine Wahrnehmungs- bzw. Verarbeitungsstörung, die physiologisch nicht erkennbar ist.

Autistische Kinder sind hilflos einem Chaos nicht verstehbarer Sinnesreize ausgesetzt. Es besteht daher eine Unfähigkeit Sinneseindrücke zu filtern, wodurch es zu einer permanenten Reizüberflutung kommt. Daraus resultieren Verhaltensabnormitäten und Sprachschwierigkeiten. Der zunehmende Entwicklungsrückstand kann als Folge des Autismus gesehen werden.

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3.3.2 Kommunikationsentwicklung

Generell kann davon ausgegangen werden, dass auch bei Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung oder Autismus die Kommunikationsentwicklung in den oben beschriebenen Phasen verläuft. Jedoch sind hierbei einige wichtige Faktoren zu beachten, welche die Entwicklung dieser Funktionen erschweren oder behindern. V.a. kann davon ausgegangen werden, dass bestimmte Fähigkeiten langsamer erworben werden.

Die kommunikative Entwicklung dieser Kinder ist in vielerlei Hinsicht gefährdet, da bei ihm häufig in allen hierfür relevanten Entwicklungsbereichen Störungen vorliegen (Wahrnehmung, Sozialerfahrung, Kognition, Emotion, Motorik, Körpererfahrung).

Diese Ausgangsbedingungen verursachen bereits in der ersten Stufe der Kommunikationsentwicklung Störungen des geregelten Ablaufes.

Viele kognitiv beeinträchtigte Kinder zeigen aufgrund der oben genannten einschränkenden Grundvoraussetzungen Unterschiede hinsichtlich ihrer emotionalen Ausdrucksfähigkeit, ihres Temperament, der Wachheit und Antwortbereitschaft auf Interaktionsangebote. Vor allem die oft eingeschränkten mimischen Fähigkeiten, Veränderungen in der Art zu schreien und zu weinen und das später auftretende soziale Lächeln und der verminderte Blickkontakt (v.a. bei Autismus) behindern die frühe Interaktion zwischen dem Säugling und der Bezugsperson. Die Bezugspersonen verhalten sich daher schon in dieser Phase anders. Die Lenkung der Aufmerksamkeit des Kindes erfolgt eher auf körperlicher Ebene und weniger über sprachliche Ausdrucksformen (fehlende Modellfunktion).

Ferner sind die Handlungen und Äußerungen des beeinträchtigten Kindes schwerer zu deuten. Die Imitation und Modifikation der kindlichen Verhaltensweisen sind erschwert und bleiben teilweise aus. Verhaltensweisen werden häufig nicht in ihrer kommunikativen Funktion erkannt (Fehlende Rückmeldung, fehlende Motivation zu kommunikativem Verhalten). Auch der Aufbau von gemeinsamen Handlungen, welcher wichtig für den Aufbau verlässlicher Dialogstrukturen ist, ist hierdurch erschwert. Gemeinsame Interaktionssituationen oder Ðspiele, welche für die Entwicklung ziel- und handlungsbezogener Verhaltensweisen wichtig sind, finden seltener statt.

Interessanterweise wurde in verschiedenen Untersuchungen festgestellt, dass Eltern bei der sprachlichen Kommunikation mit ihren behinderten Kindern ihre Sprache an das Niveau der Kinder anpassen. Dadurch hören die Kinder im Gegensatz zu nichtbehinderten Kindern kaum komplexere Sprachmuster. Möglicherweise ist das ein Grund dafür, dass sich der Spracherwerb geistig behinderter Kinder meist auf einfache Sprachmuster beschränkt.

Diese Probleme in der vorsprachlichen Entwicklung treten bei vielen Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung auf. Bei Menschen mit Autismus ist die Problematik noch gravierender, da hier der Interaktionsaufbau nicht nur verzögert, sondern in der Regel vom Kind auch abgelehnt wird (Abwenden des Blickes).

Hinzu kommt ferner noch die Tatsache, dass die Eltern sich in dieser Phase noch emotional mit der Behinderung ihres Kindes auseinandersetzen müssen und häufig verunsichert sind.

Durch diese sozialen und die oben beschriebenen behinderungsspezifischen Bedingungen kommt es zu weniger produktiven Interaktionen, was eine Entwicklung der grundlegenden kommunikativen Kompetenzen behindert.

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In der illokutionären Phase werden seltener Vokale oder verbale Mittel zur Kommunikation eingesetzt. Gründe hierfür sind evtl. im organischen Bereich zu sehen (z.B. Mundmotorik) und in den lückenhaften kommunikativen Grundlagen (v.a. Motivation).

In vielen Fällen ist die Koordination der gemeinsamen Interaktion noch schwer. Die Handlungen oder Vokalisationen haben weniger Pausen, was bei der Bezugsperson zu Problemen führt eigene Äußerungen mit denen des Kindes zu koordinieren.

Da bei Kindern mit Autismus -Syndrom ein Interaktionsaufbaus aufgrund des Behinderungsbildes noch wesentlich schwieriger ist, treten hier noch seltener kommunikative Verhaltensweisen auf. Lautfolgen, Vokalisationen und Zeigen sind in der Regel nicht kommunikativ, sondern instrumentell motiviert (z.B. Erlangen eines Gegenstandes).

In der lokutionären Phase werden die Entwicklungsdefizite auf sprachlicher Ebene besonders deutlich. Hier kommt es häufig zu Problemen in der Kombination verschiedener semantischer Relationen. Ferner ist eine verzögerte Entwicklung von Syntax und Grammatik zu beobachten. Aufgrund organischer Ursachen ist die Artikulation häufig undeutlich.

Aufgrund der Probleme der Koordination gemeinsamer Aktivitäten ist auch die Entwicklung referentieller und symbolischer Ausdrucksformen erschwert.

Kinder machen in dieser Phase häufig bewusst die Erfahrung, dass ihre kommunikativen Bemühungen nicht verstanden oder falsch gedeutet werden. Diese können zu Resignation, Mitteilungsverweigerung und Frustration führen und können somit Lernfortschritte zusätzlich behindern.

Bei Autismus kommt hinzu, dass Verhaltensweisen in der Regel noch immer eher instrumentell und nicht kommunikativ eingesetzt werden. Häufig werden soziale Interaktionen immer noch abgelehnt.

Es wurde deutlich, dass Menschen mit derartig erschwerenden Ausgangsbedingungen besonders auf eine verständnisvolle und fördernde Umwelt angewiesen sind. Sie sind in ihren Äußerungen verstärkt auf das Mitwirken und die Interpretation ihres Interaktionspartners angewiesen, da ihre Äußerungen in der Regel weniger aus sich heraus verständlich sind (konventionelle Mittel der Kommunikation werden häufig erst später erlernt als bei nicht- behinderten Kindern).

Aufgrund der psychischen Situation der Eltern (müssen Behinderung akzeptieren) und der verminderten Ausgangskompetenzen des Kindes (hier v.a. verzögertes soziales Lächeln, mangelnder Blickkontakt, verminderte Aufmerksamkeit und Antwortbereitschaft) setzt die intuitive ãangeborene DidaktikÒ in vielen Fällen nicht ein, was für die gesamte kommunikative Entwicklung maßgebliche Auswirkungen hat und den betroffenen Menschen in seiner gesamten Entwicklung behindern kann.

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4. Zusammenhang stereotypes, bzw. selbstverletzendes Verhalten und Kommunikation

Bei der Betrachtung der kommunikativen Funktionen

wird deutlich, dass hier ein enger Zusammenhang / Parallelen zu den Funktionen von SVV und STV zu finden ist. In vielen Fällen haben diese Verhaltensweisen einen kommunikativen Charakter (z.B. Ausdruck von Gefühlen und der Befindlichkeit; Wahrnehmungssteuerung im Sinne von Zuführen u. Vermeiden von Reizen; Verlangen nach Interaktion / sozialer Aufmerksamkeit).

Es wurde deutlich, dass diese Verhaltensweisen v.a. einen kommunikativen Hintergrund im weitesten Sinne besitzen und somit als eine Form der nonverbalen Kommunikation angesehen werden müssen.

Diese Auffassung findet in den letzten Jahren immer mehr Beachtung in der Forschung und Therapie. Dies lässt sich damit begründen, dass auffallend viele Menschen mit geistiger Behinderung, die keine oder nur sehr geringe Möglichkeiten des verbalen Ausdrucks haben, selbstverletzendes Verhalten zeigen, um ihre individuellen Bedürfnisse mitzuteilen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

1. Störungen des kommunikativen Austausches zum Bedingungshintergrund von SVV und STV gehören können:

Komm. Störungen in der Individualentwicklung können zu Deprivation führen; der Ausdruck von Bedürfnissen konnte nicht ausreichend erlernt werden; emotionale Empfindungen konnten nicht ausgedrückt werden und somit verarbeitet werden; der Aufbau lohnender sozialer Beziehungen ist durch Kommunikationsstörung erschwert (Kontakt erscheint nicht lohnenswert, vermindertes Handlungsrepertoire > Leerlaufzeiten durch Selbststimulation füllen)

2. SVV und STV in bestimmten Fällen kommunikative Funktionen besitzen, d.h. als Mittel zur Beeinflussung der sozialen Umwelt eingesetzt werden.

Erlangen von Zuwendung, Vermeidung unangenehmer Situationen, Ausdruck des Wunsches nach Tätigkeit, Verdeutlichen von Schmerzen oder überlastenden Umweltbedingungen; Ausdruck von emotionalen Empfindungen

Die Erkenntnis über diesen engen Zusammenhang von Kommunikation und SVV / STV verdeutlicht, dass ein Kommunikationsförderung eine entsprechend positive Auswirkung auf diese Verhaltensauffälligkeiten haben kann.

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5. Therapie

5.1 Diagnose und Therapieplanung

Bevor es zur therapeutischen Intervention kommen kann, ist eine umfassende Diagnostik erforderlich, um eine Auswahl der geeignetsten Methode/n zu gewährleisten. Auch im Verlauf der Therapie ist eine begleitende Diagnostik erforderlich, damit auf Entwicklungsverläufe direkt eingegangen werden kann.

Aufgrund der Vielfältigkeit der Ursachen von SVV und STV sollte die Diagnose möglichst in einem interdisziplinären Team stattfinden. Ferner sollte auch schon in der Diagnosephase der gesamte Alltag der betroffenen Person einbezogen werden.

Diese Diagnose sollte sich v.a. auf drei inhaltliche Bereiche beziehen:

Hierfür ist auch eine Betrachtung der kognitiven, emotionalen, sozialen und motorischen Entwicklung notwendig (ganzheitliche Betrachtung). Ferner sollte an dieser Stelle auch besonders das Verhalten der Interaktionspartner beachtet werden, da auch hier Ursachen für das auffällige Verhalten liegen können.

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5.1.1 Diagnostik von SVV und STV

Diese Diagnose sollten individuell verschiedene Verfahren auch in Kombination eingesetzt werden. Diese könnten z.B. sein:

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5.1.2 Diagnostik der kommunikativen Kompetenzen

Relevant für die Diagnostik dieses Bereiches ist die Erfassung der rezeptiven und aktiven Kommunikation des Betroffenen unter dem Form-, Inhalts- und Funktionsaspekt.

Da bei der Intervention von Verhaltensauffälligkeiten die sprachliche Form (Phonologie) und Struktur (Syntax) kaum eine Rolle spielen, sollte hier eher der allgemeine kommunikative Austausch beachtet werden.

Die Auswahl geeigneter Diagnoseverfahren fällt in diesem Bereich besonders schwer. Gängige Verfahren werden in der Regel nur selten den besonderen Anforderungen von Menschen mit geistiger Behinderung oder Autismus gerecht, so dass auch hier eine Kombination verschiedener Verfahren ratsam und notwendig ist.

Einen sehr guten Anhaltspunkt für die Diagnose dieses Bereiches stellt meiner Meinung nach der Fragebogen von KRISTEN (1994) dar. Hier werden umfangreiche Fragen zur Erfassung aller für die Kommunikation relevanter Entwicklungsbereiche dargestellt:

Da dieser Fragebogen für den Bereich der Unterstützten Kommunikation entwickelt wurde, sind nicht alle Fragen für den betroffenen Personenkreis relevant. Je nach Fall können nicht maßgebliche Bereiche ausgeklammert werden.

Der Erfassungsbogen ist nicht zwangsläufig an eine konkrete Testsituation gebunden und bietet viele präzise Fragen, die durch Beobachtung oder Gespräche mit der Bezugsperson beantwortet werden können. Hieraus ist es möglich einen umfassenden Eindruck der aktuellen kommunikativen Kompetenzen, bzw. der Problembereiche der Betroffenen Person zu erhalten.

5.1.3 Diagnostik der sensorischen Präferenz, Verstärkerwirksamkeit

Für eine spätere Therapie ist es neben der Erfassung des auffälligen Verhaltens und den kommunikativen Kompetenzen auch notwendig, Vorlieben des beeinträchtigten Menschen kennen zu lernen. Hierdurch wird sowohl eine Kontaktaufnahme, als auch der Aufbau interaktionsbezogenen Verhaltens erleichtert. Ferner wird hierdurch sicher gestellt, dass therapeutische Handlungen für den Betroffenen eine möglichst hohe individuelle Bedeutsamkeit besitzen.

Kristen behandelt diesen Punkt unter der Abklärung der psychosozialen Fähigkeiten. Ein detaillierter Fragebogen zu Verstärkern bietet CAMPBELL (1981). Hier werden konsumierbare, sensorische und manipulierbare (gegenständliche) Verstärker und verstärkende Tätigkeiten (bevorzugte Handlungen) erfragt.

Auch hier erfolgt die Abklärung durch gezielte Beobachtung oder Befragung der Bezugspersonen.

Die so gewonnenen Informationen ermöglichen eine umfangreiche Erkenntnis über die Ursachen und Funktionen von SVV und STV, die aktuellen kommunikativen Kompetenzen und die Vorlieben der betroffenen Person. Hierdurch wird es möglich die momentan wirksamste Methode der Intervention zu bestimmen (vgl. 1.3).

Sollte die Diagnose ergeben haben, dass eine Störung des kommunikativen Austausches zum Bedingungshintergrund der Verhaltensauffälligkeiten gehört, oder SVV oder STV kommunikative Funktionen ersetzen, kann eine gezielte Kommunikationsförderung eine geeignete Interventionsmöglichkeit darstellen.

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5.2 Interventionsmöglichkeiten durch Kommunikationsförderung

Wie anfangs schon erwähnt, stehen selbstverletzendes Verhalten und Kommunikation in einem gegenläufigen Verhältnis zueinander. Die Verbesserung der kommunikativen Situation führt in vielen Fällen zu einer Verminderung von SVV und STV.

Dem Betroffenen wird durch die Bereitstellung einer Kommunikationsmöglichkeit eine Alternative zu seinem bisherigen Verhalten ermöglicht.

Kommunikationsförderung bezieht sich nicht nur auf den Bereich der Ausdrucksformen des Individuums, sondern soll Veränderungen in der gesamten Kommunikationsstruktur und den dialogischen Beziehungen bewirken.

In der Intervention von SVV und STV bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung oder ausgeprägtem Autismus sind 2 Förderansätze von Bedeutung: die Förderung des grundlegenden kommunikativen Austausches und die Förderung der Funktionalen Kommunikation:

Ferner sollte eine Kommunikationsförderung auch immer beinhalten:

Der Ansatzpunkt und die Methode sollte sich aus der vorangegangenen Diagnose ergeben. Ferner sollte sich die Förderung soweit wie möglich an der Normalentwicklung der Kommunikation (vgl. 2.2) orientieren.

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5.2.1 Förderung des grundlegenden kommunikativen Austauschs

Bei diesen Ansätzen steht der Versuch im Vordergrund, Kontakt zum behinderten Menschen aufzunehmen und ihn zu Interaktionen zu bewegen.

Hierbei handelt es sich um eine Reihe basaler Ansätze, bei denen die Förderung der Kontaktaufnahme und des gegenseitigen Austausches auf einer vorsymbolischen Ebene im Vordergrund steht. Es wird davon ausgegangen, dass Kommunikation nicht an den Austausch eines Symbolsystems oder an eine Intention des Kommunikationspartners gebunden ist.

4.2.1.1 Basale, ganzheitliche Ansätze

Ein Beispiel für die Kommunikationsförderung bei Menschen mit (schwerer) geistiger Behinderung ist die Basale Kommunikation nach MALL 1984). Innerhalb dieser Intervention wird versucht, sich ganz auf die Signale einzulassen, die ein Mensch mit geistiger Behinderung aussendet, sei es über seinen Atemrhythmus, seine Bewegungen oder seine Lautäu§erungen. Zum Beispiel über Nachahmung, Spiegeln oder verändertes Wiedergeben kann damit gearbeitet - und somit mit dem Betroffenen kommuniziert werden und somit zu einem Rückgang der Verhaltensauffälligkeiten führen.

Die Ziele der Basalen Kommunikation sollen dementsprechend lauten:

Diese Methode ist nicht anwendbar bei Menschen, die Körperkontakt ablehnen (v.a. bei Menschen mit Autismus).

Ähnlich ist auch der Ansatz des ãsomatischen Dialogs von FRÖHLICH (1982) zu bewerten. Auch hier geht es darum, dem Betroffenen durch gezielte körperbezogene Kommunikationsangebote emotionale Erfahrungen zu ermöglichen. Durch basale Stimulation sollen positive Erfahrungen in einem kommunikativen Kontext erfahren werden, was zu einer Steigerung der Kommunikationsmotivation führen soll. In diesem Zusammenhang betont er auch die Möglichkeiten der Baby- Talk- Strukturen.

Bei beiden Methoden bekommen die Äußerungen und Handlungen der beeinträchtigten Person eine Wertigkeit und Bedeutung dadurch, dass der Therapeut (und die Bezugspersonen) konstant auf diese reagieren. Wie in der Normalentwicklung von Kommunikation findet hier also eine Bedeutungszuschreibung statt, welche langfristig zu einem gezielten kommunikativen Einsatz der Handlungen führen kann.

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4.2.1.2 Musiktherapeutische Ansätze

Auch in musiktherapeutischen Ansätzen geht es um einen Kontaktaufbau. Hier werden verschiedene musikalische Reize angeboten, musikalische Dialoge und spielerische Handlungen aufgebaut, und v.a. auf die Handlungen (auch STV oder SVV) und Äu§erungen der betroffenen Person eingegangen, indem diese musikalisch begleitet oder kommentiert werden. Instrumente werden hierbei als vermittelnde Objekte eingesetzt, über die der Austausch läuft.

Gerade in der Therapie mit Menschen mit Autismus kann diese Methode u.U. sehr hilfreich zur Kontaktaufnahme und zum Dialogaufbau sein, da es für den Betroffenen zunächst nur um die Beschäftigung mit einem Gegenstand geht. Auch hier kann durch konstant bleibende musikalische Reaktionen auf Handlungen eine Bedeutungszuschreibung stattfinden und das Interesse am Dialog geweckt werden.

4.2.1.3 Verhaltenstherapeutische Ansätze

In Verhaltenstherapeutischen Ansätzen werden zum Aufbau des grundlegenden kommunikativen Austauschs v.a. Operante Methoden eingesetzt. Hierbei erfolgt eine negative Verstärkung der Zuwendung zum Partner. So erfährt der Betroffene einen negativen Stimulus (z.B. Elektroschocks), bis er das erwünschte Kontaktverhalten zeigt. Er soll somit lernen, dass die Anwesenheit von Personen und der Kontakt eine lohnende Qualität besitzt. Dieses Verfahren wird vorwiegend bei Menschen mit Autismus eingesetzt, da diese zwischenmenschliche Kontakte häufig nicht als lohnenswert empfinden.

Neben der fraglichen langfristigen Wirksamkeit dieses Verfahrens (Generalisierbarkeit) halte ich diese Interventionsmöglichkeit ethisch für nicht vertretbar. Vielmehr sollte versucht werden, Kontaktverhalten positiv zu verstärken, um auf lange Sicht eine ãehrlicheÒ Beziehungsebene zu dem betroffenen Menschen aufbauen zu können. Hierzu kann z.B. ein positiver Stimulus als Belohnung für interaktives Verhalten angeboten werden.

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4.2.1.4 Förderung der Bezugspersonen

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Aufbaus des kommunikativen Austauschs ist die Förderung der Bezugspersonen. Bei der Betrachtung der Kommunikationsentwicklung unter erschwerten Bedingungen (vgl. 2.3.2) wurde deutlich, dass Eltern oft nicht in der Lage sind auf die erschwerten Ausgangsbedingungen des Kommunikationserwerbs adäquat zu reagieren, wodurch der Interaktionsaufbau zusätzlich erschwert wird. Es ist somit naheliegend, dass eine Förderung der Bezugspersonen hinsichtlich dieser veränderten Bedingungen eine positive Auswirkung haben kann. Hierbei sollte eine Sensibilisierung für die kommunikativen Handlungen der Betroffenen (Interpretation der Körpersprache, Hineinversetzen in die Lage) ein erster Schritt sein.

Ist es durch den Einsatz dieser basalen Methoden zur Anbahnung von interaktivem Verhalten gekommen, ist der Aufbau von Interaktions- Routinen erforderlich. Es sollte versucht werden die Beiträge des Betroffenen zur Konversation nach und nach auszubauen und vermehrt auf den Interaktionspartner zu beziehen (turn- taking). Dieses kann am Besten durch das Einführen fester Rituale geschehen. Diese bieten dem betroffenen Menschen einen festen und sicheren Rahmen, in dem sie die soziale Interaktion erlernen und festigen können.

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5.2.2 Förderung der funktionalen Kommunikation:

Stehen dem Betroffenen die oben erwähnten grundlegenden Interaktionskompetenzen zur Verfügung, kann eine weitere Interventionsmöglichkeit von SVV und STV die Förderung der funktionalen Kommunikation darstellen.

Eine Form, die ich für den betroffenen Personenkreis sehr beeignet finde, ist die Unterstützte Kommunikation.

4.2.2.1 Alternative und unterstützte Kommunikation

Hierbei geht es darum, nichtsprechenden Menschen durch den Einsatz verschiedenster Hilfsmittel und Strategien eine alternative Möglichkeit zur Kommunikation zu bieten, indem die Lautsprache ergänzt, bzw. ersetzt wird.

Die Methoden der Unterstützten Kommunikation lassen sich allgemein in körpereigene Kommunikationsformen und externe Kommunikationshilfen (hier: nichtelektronische und elektronische) unterteilen.

Körpereigene Kommunikationsformen

Zum einen kann Kommunikation über körpereigene Mittel ablaufen, also ohne externe Hilfsmittel. Hierzu zählen -neben der Lautsprache- Gestik, Mimik, Blickbewegungen, Körperhaltung und Gebärden.

Voraussetzung für den Einsatz ist jedoch eine ausreichende motorische Fähigkeit, diese umzusetzen. Ferner erfordern sie vom Gesprächspartner eine hohe Aufmerksamkeit und die Kenntnis über das verwendete Mittel.

Körpereigene Kommunikationsformen haben somit einen hochgradig individuellen Charakter, die u.U. nur von engen Bezugspersonen verstanden werden können.

Im Zusammenhang mit der Intervention von SVV und STV stellen lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) eine besonders geeignete Möglichkeit dar. Hierfür werden maßgebliche Elemente der Lautsprache von Gebärden begleitet und somit unterstützt.

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Gerade für Menschen mit einer geistigen Behinderung sind viele Gebärden durch ihren engen Bezug zu dem dargestellten Begriff (z.B. "trinken" = Bewegung des Trinkens wird imitiert) leicht zu erlernen und auch größtenteils leicht durch die Bezugspersonen zu entschlüsseln.

Voraussetzung hierfür ist jedoch das Bedürfnis nach Austausch und Kommunikation mit seiner Umwelt, ein grundlegendes Symbolverständnis und die Fähigkeit zur Nachahmung, motorische Fähigkeiten.

Neben den positiven Auswirkungen körpereigener Kommunikationshilfen im Bezug auf die Wortschatzbildung stellt die ständige Verfügbarkeit wohl den größten Vorteil von körpereigenen Kommunikationsmitteln dar.

Nachteile der körpereigenen Mittel sind hingegen, dass die Kommunikation in jedem Fall sehr verlangsamt wird und häufig nur eine Mitteilung von Fakten möglich ist. Hierdurch ist eine hohe Aufmerksamkeit der Gesprächspartner und häufig auch große Geduld erforderlich. Negativ ist auch, dass mit Hilfe von körpereigenen Mitteln nur wenige Kommunikationspartner erreichbar sind. Diese müssen mit dem jeweiligen Mittel vertraut sein und sich auf Kommunikation einlassen wollen.

Externe Kommunikationshilfen

Bei externen Kommunikationshilfen wird durch die Zusammenstellung von z.B. Bildern, Fotos, Symbolen, Wörtern oder Buchstaben ein individuelles "Vokabular" bereitgestellt, welches auf die persönlichen Möglichkeiten und Bedürfnisse der nichtsprechenden Person ausgerichtet ist. Bei der Auswahl der Kommunikationshilfen und der dabei verwendeten Abbildungen sollten Faktoren wie motorische Fähigkeiten, Wortschatz, Symbolverständnis, visuelle Wahrnehmung, aber vor allem das persönliche Mitteilungsbedürfnis der nichtsprechenden Person, Beachtung finden.

Die Kommunikation findet über das "Zeigen" (im weitesten Sinne) auf die jeweiligen Abbildungen statt.

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Vokabular:

Es stehen eine Vielzahl verschiedener Symbolsammlungen oder -systeme zum Kauf (z.B. "Löb- Bildersammlung",: "Touch'n-Talk-Bildersammlung:", "Aladin's Bildersammlung:" ,"Picture Communication Symbols (PCS):" ,"Bliss-System"). Aber auch "Fotos und eigene Zeichnungen" können verwendet werden.

Der Wortschatz sollte sich an der persönlichen Lebenssituation des nichtsprechenden Menschen ausrichten. Er sollte altersgemäß sein und die Vorlieben der Person berücksichtigen. Auch Gefühle sollten darstellbar sein.

Externe Kommunikationshilfen unterteilen sich in nichtelektronische und elektronische Hilfen.

Nicht-elektronische Hilfen:

zum Beispiel: Kommunikationsbücher, -tafeln, -ordner oder Fotoalben mit thematisch geordneten Abbildungen oder Fotos

Kommunikationskästen mit konkreten Objekten oder Nachbildungen

Wort-, Symbol- oder Bildkarten

Symbol- oder Bildposter an verschiedenen Stellen

Nichtelektronische Kommunikationshilfen haben den Vorteil, dass man sie recht leicht und preisgünstig herstellen kann. Sie sind leicht transportabel und können sehr individuell gestaltet werden. Ihr Nachteil ist jedoch, dass auch sie die unmittelbare Aufmerksamkeit des Gesprächspartners fordern und der Wortschatz u.U. nicht ausreicht, um alle Kommunikationsinhalte zufriedenstellend auszudrücken. Dem nichtsprechenden Menschen stehen ferner kaum Möglichkeiten zur Gesprächssteuerung oder eine Möglichkeit, den Inhalt der Kommunikation festzuhalten, zur Verfügung.

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Elektronische Kommunikationshilfen

Elektronische Kommunikationshilfen können sowohl stationäre Computer, als auch speziell für diesen Zweck entworfene transportable Geräte sein. Sie lassen sich unterscheiden in Geräte ohne und mit Sprachausgabe (z.B. Alpha- Talker).

Die Spannbreite der zur Verfügung stehenden Geräte geht von einem einfachen Taster (zum Aufsprechen und abrufen einer Aussage) bis hin zu komplexen Talkern, welche eine grammatikalisch vollwertige Sprachmitteilung ermöglichen (z.B. Delta- Talker).

Der Einsatz einer elektronischen Kommunikationshilfe, v.a. mit Sprachausgabe, weist einige deutliche Vorteile auf: Möglichkeit der, Einflussnahme auf den Verlauf eines Gespräches (auch Beginn und Abbruch), spontane Aussagen sind möglich. Die gesamte Kommunikation steht nicht mehr unter der absoluten Aufmerksamkeit des Gesprächspartners, da der Anwender laut und deutlich seine Wünsche und Mitteilungen ausdrücken kann, die auch für jeden verständlich sind. Es ist davon auszugehen, dass das Umfeld überwiegend positiv auf eine solche Kommunikationshilfe reagiert, da sie sich mit dem gewohnten Medium Sprache konfrontiert sehen. Hierdurch könnte der Aufbau von sozialen Kontakten erleichtert werden.

Negativ hingegen ist zu bemerken, dass elektronische Kommunikationshilfen relativ hohe Anschaffungskosten mit sich bringen, es muss immer eine Transportmöglichkeit gefunden werden, technische Wartung der Geräte ist notwendig, die Kommunikationsgeschwindigkeit ist verlangsamt.

Die Einführung einer elektronischen Kommunikationshilfe kann u.U. sehr lange dauern und ist gerade bei Menschen mit einer geistigen Behinderung daher häufig problematisch.

Eine weitere Form einer alternativen Kommunikation, die vorwiegend mit nicht sprechenden Menschen mit Autismus durchgeführt wird, ist die ãgestützte KommunikationÒ, welche in den letzten Jahren sehr in den Medien diskutiert wurde. Bei dieser Methode, wird die Hand des Betroffenen, welcher eine Computertastatur bedient, von einer Hilfsperson geführt. Mittels dieser Methode besteht angeblich die Möglichkeit zur Übermittelung von Botschaften, welche mitunter hohe sprachschöpferische Qualitäten aufweisen.

Jedoch ist diese Methode sehr umstritten und steht immer wieder unter Verdacht, dass die Äußerungen eher unbewusst durch die stützende Person getätigt werden.

Der Einsatz einer alternativen Kommunikationsform bei Menschen mit geistiger Behinderung oder Autismus kann eine geeignete Interventionsmöglichkeit darstellen. Hierbei seien v.a. Gebärden oder einfache Symbolsysteme genannt. Diese bieten fast unmittelbar ein funktionale Mitteilungsmöglichkeit und können somit schnell zu einer Verhaltensänderung beitragen. Dem Betroffenen wird mit einfachen Mitteln der Aufbau alternativer Verhaltensweisen ermöglicht. Er kann nun seine Bedürfnisse alternativ zum Ausdruck bringen und ist in der Lage ohne den Einsatz von SVV oder STV auf sich aufmerksam zu machen. Wird in konsequenter und positiver Art mit seinen Äußerungen umgegangen, kann ihm hierdurch ein positives Kommunikationserlebnis ermöglicht werden.

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6. Schlussbemerkung

Es hat sich gezeigt, dass die Förderung der Kommunikation ein geeignetes Mittel zur Intervention von SVV und STV darstellen kann. Dem Betroffenen werden alternative Mittel zur Verfügung gestellt. Er ist nicht mehr auf sein eingeschränktes Handlungsrepertoire fixiert. Funktionen der Verhaltensauffälligkeiten können nun durch die Alternativen erfüllt werden. So ist es ihm nun möglich seine Gefühle auszudrücken, Reize einzufordern oder abzulehnen oder Aufmerksamkeit zu erregen ohne sich selbst zu verletzen oder zu gefährden.

Die Therapie eines so komplexen Verhaltens ist sicher für alle Beteiligten schwer und manchmal langwierig. Dennoch ermöglicht ein kontinuierlicher Aufbau der kommunikativen Kompetenzen nach und nach einen Rückgang von SVV und STV.

Um eine schnellstmögliche Hilfe zu erreichen halte ich die Kombination verschiedener Verfahren durchaus für ratsam. So können Elemente der Unterstützten Kommunikation in der Therapie gut mit lerntheoretischen Elementen verknüpft werden, indem positive Verstärker und Belohnungen für erfolgreiche Kommunikation eingesetzt wird (Positives Feedback).

Literatur zu dieser Studienarbeit.

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