Letzte Änderung:
13.09.2008
Förderung Spracherwerb
5p- Info-Brief 1998/3
Bericht über einen Vortrag und Seminar von Frau Prof. Dr. Etta Wilken:
"Möglichkeiten der Förderung des Spracherwerbs und der Sprachentwicklung bei behinderten Kindern", im März 1998.
Vita von Prof. Dr. Wilken:
- Ende der 60er bis 70er- Jahre Leiterin einer Sonderschule für behinderte Kinder mit drei Zügen: a). Sonderschule für geistig behinderte Kinder, b). Sonderschule für körperbehinderte Kinder und c) .Sonderschule für mehrfachbehinderte Kinder
- ihr eigener Schwerpunkt liegt auf der Sprachförderung, d.h., der
Sprachtherapie und der Sprachförderung bes. bei Kindern mit Down-Syndrom
- 1986 begleitete sie einen Schulversuch zur Integration
- 1988 bot sie Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer an
- sie lehrt an der Universität Hannover "Allgemeine und integrative
Behinderten-Pädagogik"
Nach einer allgemeinen Einführung in das Thema Entwicklung und Förderung hat Frau Wilken zwei Bereiche näher erläutert: die Gebärden zur Unterstützung der Sprachentwicklung und das Früh-Lesen. Ihre Ausführungen in Stichpunkten:
Allgemeines zum Thema Entwicklung und Förderung:
Die Entwicklung wird durch zwei Faktoren bestimmt:
- das individuelle Potential
- die Bedingungen des Umfelds
Wenn die durch 1) gegebenen Voraussetzungen nicht günstig sind, ist es um so wichtiger, 2) möglichst positiv zu verändern.
Voraussetzungen und Entwicklungsstufen beim Kind
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Motorisch-funktioneller Bereich
- Primärfunktionen der Sprechorgane: Saugen, Kauen, Schlucken, Zungen-
und Lippenbewegungen
- Atmung (Mund- und Nasenatmung), Pusten, Schneuzen
- Ausdrucks- und Funktionslaute
- Motorik (Kopfkontrolle)
- Hören, Sehen
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Kognitiver und
sozio-emotionaler Bereich
- Wahrnehmungsfähigkeit
- Blickkontakte, Lächeln
- Aufmerksamkeit, Interesse
- Situationsverständnis
- Nachahmung (unmittelbar, aufgeschoben)
- Vorstellung, Erwartung
- Symbolverständnis
- Interaktives Handeln (turn-taking)
- Sprachverständnis
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zum Anfang
Worauf es ankommt:
Angestrebt wird die Unterstützung des Erreichens der nächsten Entwicklungsstufe (diese sind bei allen Kindern gleich). Dafür soll ein individueller Förderplan erstellt werden. Dieser muss darauf basieren, was das Kind kann/tut, nicht, was es (seinem Alter entsprechend) nicht kann. Maßstab ist der persönliche Entwicklungsstand des Kindes, nicht das Lebensalter.
Gutes Hören (oft nur geringfügig beeinträchtigt; wird
nicht bemerkt) und Sehen ist Grundvoraussetzung! Dies sollte auch bei Spezialisten
sichergestellt werden. Die einfachen Tests beim Kinderarzt genügen
nicht.
Viel Erfahrung ("Tun") ist die Voraussetzung für Abstraktion (<= Basis für Sprachverständnis). Dies gilt v.a. im häuslichen Bereich: Das Kind muss im Tagesablauf lernen, Bedeutungen zu interpretieren ("Ding-ding" der Mikrowelle => Füttern). Wichtig sind differenzierte Erfahrungen mit 1 Sache; dann kann die nächste folgen (nicht ständig Neues anbieten, das überfordert). (siehe auch folgende Tabelle "Entwicklung von Verstehen und Mitteilen").
Hierbei sind Rollenspiele Voraussetzung für das Symbolspiel (Übertragung
im Alltag: Staubsaugen mit dem Besenstiel oder Kleiderbügel). (vgl.
hierzu Tabelle)
Kinder mit geringerer Sprachentwicklung zeigen weniger (freies) Symbolspiel;
dazu ist Sprachverständnis nötig (daher ist Integration z.B. im
Kindergarten sinnvoll, da die Kinder von anderen profitieren). (vgl. hierzu
Tabelle)
Entwicklung von Verstehen und Mitteilen
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Entwicklung von Verstehen
- kontextgebundenes Verstehen
- Gewohnheiten führen zu Erwartungen
- Objektpermanenz (7/8 Monate)
- Vorstellungen (Bsp. Mutter zieht sich an, das Kind nicht =>
Kind weiß: Mutter geht allein weg)
- kontextgebundenes Verstehen von Anzeichen für Handlungen
- Funktionssignale
- Sachsymbole, Gestik, natürliche Symbolbildung
- kontextgebundenes Sprachverständnis
- Bilder als Abbildungen
- Wortverständnis und einfache Sätze
- allgemeines Sprachverständnis
- Bildzeichen und Symbole
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Entwicklung von Mitteilen
- kontextbezogenes Verhalten
- Ausdruckslaute
- Verhalten zeigt Erwartung
- Ausdrucksverhalten (Ablehnung / Zufriedenheit)
- Lautdifferenzierung
- Gestik und Mimik (Anpassung an eigene Möglichkeiten)
- Bedeutungslaute, erste Wörter
- nachahmendes Spiel
- Variabilität von Objektbedeutung und Symbolspiel
- Sätze (Grammatik)
- bildhafte Darstellungen
- Schreibzeichnen
- Schreiben
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zum Anfang
Gebärden zur Unterstützung der Sprachentwicklung:
- Ab ca 1 - 1-2 Jahren können Gebärden spielerisch eingebaut
werden (von Spielliedern her).
- Gebärden beschleunigen den Spracherwerb (bestätigt durch
neueste Untersuchung von Charles Miller, USA).
- Gebärden hindern nicht das Sprechen, sie sind Brücke. Wenn das Kind sprechen kann, lässt es erfahrungsgemäß die Gebärden von allein weg.
- Gebärden fördern die Handmotorik; dies wiederum fördert die Entwicklung des Sprachzentrums (In diesem Zusammenhang: Es ist wichtig, dass das Kind eine deutliche Dominanz einer Hand entwickelt).
- Bei lautsprachlichen Gebärden wird das Kind die Gebärde möglicherweise
vereinfachen; dies ist ihm erlaubt, die Eltern sollten dies aber nicht
tun. Sie verbalisieren aber die Gebärde des Kindes => das Kind
kann sich ausdrücken.
Früh-Lesen:
- Es geht nicht um "Lesen" bzw. "Lesen-lernen" im
klassischen Sinne (wie in der Schule), sondern Kinder lernen, ganze Wörter
und kurze Sätze wiederzuerkennen.
- Über die optische Zuordnung erinnert sich das Kind eher, wie ein
Wort gesprochen wird.
- Es ist geeignet für Kinder, die schon sprechen.
- Ziel: sprachliche Dinge visuell zu stützen; auch Aussprachefehler
können dadurch korrigiert werden.
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Beispiel:
Ein konkreter Vorschlag für ein Kind, das zu Papa und Mama gleichermaßen
"Baba" sagt, obwohl es "Mama" sagen kann (=>mangelnde
Zuordnung).
- Zuordnen: "Das ist Papa / das ist Mama."
- Auswählen: "Gib mir Papa / gib mir Mama!"
- Benennen: "Was ist das?"
Dies geschieht zuerst mit Bildern, dann werden auf die Bilder Wortkarten
gelegt, mit denselben Stufen. So lernt das Kind, Papa und Mama zu unterscheiden.
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Tips/Ideen/Hinweise:
- Symbole aus vorhandenen Bilderbüchern übernehmen.
- Bilderlotto-Bilder verwenden
- Kommunikations-Schürzen: Für verschiedene Situationen, z.B.
Spielplatz: eine Schürze mit verschiedenen Bildern, was das Kind auf
dem Spielplatz tun kann. So kann es selbst zeigen, was es tun möchte.
- Zur Castillo-Morales-Methode: Bevor zu große Hoffnungen geweckt
werden: Es gibt einen Katalog mit Kriterien, für welche Kinder sich
die Methode eignet - dieser sollte vor Therapiebeginn unbedingt überprüft
werden!
Literatur
zum Thema.