Letzte Änderung: 13.09.2008
Einsatz von Gebärden
Eine Stichwortsammlung
5p- Info-Brief 2008
Vor dem Einsatz von Gebärden steht die Anbahnung durch das Aufgreifen vielfältiger Grunderfahrungen in verschiedenen Wahrnehmungsbereichen, z.B. :
- verschiedene Körpererfahrungen wie Raumlage, Körperbegrenzungen,..., bewusst machen der eigenen Hände, Bewegungsfunktionen der Hände erleben (hantieren, greifen,...)
- Erfahren der verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten der Hände (Fingerspiele...)
- Wahrnehmen des Gesichtsfeldes
- Aufbau und Zulassen von Blickkontakt
- Aufbau und Zulassen von Körperkontakt (z.B. beim Führen von Gebärden)
Zu den wichtigsten Grundvoraussetzungen für das Erlernen von Gebärden gehören sowohl das Interesse an der Umwelt, als auch das Interesse Bedürfnisse mitzuteilen. Die körperliche Mobilität sollte so weit vorhanden sein, dass Gebärden ausgeführt werden können. Ein gewisses Maß an Konzentration und Ausdauer ist wichtig für den Lernprozess. Auch eine gewisse Speicher- und Verarbeitungsfähigkeit. Der Mensch mit Behinderung muss in der Lage sein zu lernen, einen realen Gegenstand mit einer Gebärde zu verbinden. Die Gebärde muss auch bei Nichtvorhandensein eines Gegenstandes als Bedeutungsträger angewendet werden können (Objektpermanenz). Bei einigen Menschen mit geistiger Behinderung wird es über das Wahrnehmen, Begreifen und Umsetzen hinaus keinen spontanen Gebrauch von Gebärden geben. Die Gebärden werden nur verstanden, doch schon dieser Schritt kann eine große Entlastung und ein Gewinn für die betroffene Person sein. Man kann zu Beginn der Arbeit keine Prognose darüber machen, wie viele Gebärden, in welchem Zeitraum von der jeweiligen Person erlernt werden können.
Mit was fange ich an? Meine Rolle beim Einsatz von Gebärden.
Beim Zusammenstellen einer ersten Auswahl an Gebärden können folgende Gesichtspunkte hilfreich sein:
- Zunächst nur eine überschaubare Anzahl an Gebärden auswählen, diese sollten:
- lebensnah sein
- sich an den Interessen der jeweiligen Person orientieren
- einfach auszuführen sein
- Der Weg des Erlernens folgt im wesentlichen dem Prinzip „vom Konkreten zum Abstrakten", mit dem Ziel, dem Gegenüber zu vermitteln, dass die Gebärde ein bedeutungstragender Stellvertreter für eine konkrete Situation, einen Gegenstand, eine Person,... ist.
- Die Vermittlung beginnt auf der realen Ebene. Hierbei werden Gebärde und Gegenstand, Tätigkeit,... gleichzeitig angeboten.
- Diese reale Ebene kann dann mit der Zeit durch ein Foto, ein Symbol ersetzt werden.
- Diese Symbole können mit der Zeit verschwinden, wenn das Bewusstsein vorhanden ist, dass die Gebärde als Stellvertreter fungiert.
- Die ausgewählten Gebärden sollten häufig und konsequent wiederholt werden.
- Unter Umständen kann Handführung das Erlernen unterstützen.
- Wiederholung in verschiedenen Situationen erweitert die Einsatzmöglichkeiten und unterstützt das Verständnis.
- Wichtig ist das Nachfragen und vergewissern, ob man die Gebärde richtig verstanden hat oder was vom Gegenüber verstanden wurde.
- Die Gebärden sollten von allen Bezugspersonen verwendet werden, denn je mehr Personen mit dem Nutzer gebärden, um so schneller können diese erlernt werden. Der Nutzer erfährt dabei auch, dass Gebärden ein Kommunikationsmittel mit hoher Akzeptanz sind.
Tipps für das Üben von Gebärden:
Kommunikationsgelegenheiten nutzen und schaffen (siehe auch Ursi Kristen in UK Heft 1/2006)
- Ewas-fehlt Situationen
- Verzögerte Handlung
- Unvollständiges Material
- Verzögerte Hilfe
- Etwas-ist-falsch-Strategie
- Unterbrochene Routine
Beispiele für Übungen zur Gebärdenvermittlung
Beim Einsatz und den verschiedenen Übungsmöglichkeiten im Bereich Gebärden sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Im Folgenden eine kleine Zusammenstellung an praktischen Übungsbeispielen.
- Die Aufmerksamkeit auf die eigenen Hände oder die des Gegenübers lenken, z.B. mit Handschuhen an denen Glöckchen, bunte Bänder,... angebracht sind.
- Weiße Handschuhe anziehen, um Gebärden zu demonstrieren.
- Zur Kontrolle kann auch das Arbeiten vor dem Spiegel hilfreich sein.
- Gebärde anhand des Gegenstandes demonstrieren, z.B. Teller, Schere, Ball, Apfel usw.
- Abbildungen verschiedener Gegenstände parallel zu den realen Gegenständen einsetzen, gebärden und zuordnen.
- Handlungsablauf, z. B. eines Kochvorganges, in Bildern vorlegen und gebärdend nachvollziehen (Leporello).
- Eine gute Übungssituation stellen bestimmte Rituale dar, z.B. im Morgenkreis die Mitschüler mit Namengebärde begrüßen, das Zusammenstellen und Benennen des Stundenplans.
- Handlungsanweisungen mittels Gebärden geben, Gebärden als Kommunikationsmittel einsetzen, um Reaktionen zu provozieren, z. B. erst Gebärde verlangen, dann das Gewünschte geben.
- Alltagssituationen gebärdend reflektieren, z. B. Urlaubsfotos, gemeinsame Ausflüge, Bewohner/innen einer Gruppe im Gruppenalltag.
- Bei einfachen Bilderbüchern Gebärden einzelner Worte dazukleben.
- Domino oder Lottospiele selber herstellen mit Gebärden und realen Bildern oder Symbolen.
- Lieblingslieder der Schüler mit Gebärden begleiten. Lieder haben immer einen sehr hohen Aufforderungscharakter. Eine sehr gute Zusammenstellung ist in den Liederbüchern von l. Leber, E. Götze und J. Spiegelhalter, die im von Loeper Verlag erschienen sind, zu finden.
- Gebärde/n der Woche oder des Monats für alle sichtbar aushängen.
- Kennzeichnung verschiedener Bereiche der Einrichtung, das Bekleben von Schubladen und Türen mit Gebärdenfotos.
- Besonders wichtig ist die Dokumentation des Gebärdenwortschatzes einer Person, z.B. in einem Ordner.
Fr. Herkommer, Mittelstufenleiterin Schule Haslachmühle