In den letzten Jahren hat sich im deutschen Sprachraum die "Unterstützte Kommunikation" als Ansatz zur Förderung der Kommunikation für nicht- und wenig-sprechende Kinder entwickelt. Der folgende Aufsatz gibt einen Überblick über diesen Bereich und macht insbesondere deutlich, dass es sich bei diesem Ansatz nicht um ein starres Repertoire festgelegter Methoden handelt, sondern um ein flexibles Konzept, das alle zur Verfügung stehenden Äußerungs- und Mitteilungsmöglichkeiten des behinderten Menschen einbezieht.
In der Umsetzung des Konzepts der Unterstützten Kommunikation ist in den letzten Jahren eine Veränderung in der Beurteilung der Voraussetzungen auf Seiten der nichtsprechenden Personen in der Weise feststellbar, dass nicht mehr die Erreichung einer bestimmten Entwicklungsstufe (Objektpermanenz, Ursache-Wirkungswissen, Symbolverständnis) als Voraussetzung angesehen wird, "sondern alleine die Tatsache, dass ein Mensch atmet, kann den Einsatz von therapeutischen Maßnahmen von Unterstützter Kommunikation rechtfertigen" (Kristen).
Ein Anliegen ist es, durch das Konzept der Unterstützten Kommunikation "nichtsprechenden Menschen und ihren Bezugspersonen so früh wie möglich zu erfolgreichen Kommunikationssituationen zu verhelfen. Dabei wird die Lautsprache keineswegs ausgeklammert, jedoch bei Bedarf durch Kommunikationshilfen, -techniken und Strategien ergänzt" (Kristen). Gerade diese Ergänzungen sind wichtig, da trotz intensiver Sprachtherapie bei vielen nichtsprechenden Menschen oftmals nur sehr geringe Verbesserungen der Lautsprache, und damit ein Verbesserung der kommunikativen Kompetenz, erreicht wurden.
Im Mittelpunkt der Unterstützten Kommunikation steht also die Förderung der kommunikativen Fähigkeiten. Dabei vertritt die Unterstützte Kommunikation den Ansatz der totalen Kommunikation, d.h. "sämtliche Möglichkeiten, einem Menschen ein umfassendes Kommunikationssystem bereitzustellen, sollen ausgeschöpft werden" (Braun). Ein maßgebliches Kriterium für die Entwicklung eines solchen Kommunikationssystems liegt somit in der Effektivität für den/ die Benutzerin. Daher muss mit jedem Menschen ein individuelles, bedürfnisorientiertes Kommunikationssystem gefunden werden. Dass sich ein solches Kommunikationssystem mosaikartig aus vielen, z.T. unüblichen, Kommunikationsformen zusammensetzt, liegt auf der Hand. In der Fachsprache wird ein solches Kommunikationssystem "Multimodales Kommunikationssystem" genannt. Nach Kristen sollen in diesem folgende Ausdrucksmöglichkeiten eines Menschen bewusst berücksichtigt werden:
Um ein effektiv, individuell zugeschnittenes Kommunikationssystem zu entwickeln, ist eine diagnostische Abklärung, eine sorgfältige Planung und Dokumentation unerlässlich. Hierfür ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der beteiligten Berufsgruppen (z.B. Lehrerinnen, Erzieherinnen, Ergotherapeutinnen, Krankengymnastinnen,...) genauso erforderlich, wie ein guter Kontakt zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen. Des weiteren stellt "die Information der Gesprächspartner über die Struktur wirksamer und zufriedenstellender Kommunikation, über die Entwicklung von Kommunikation und über den Einfluss des eigenen Verhaltens auf den Verlauf der Interaktion" (Kristen) eine weitere wichtige Maßnahme dar. Denn gerade das Wissen über die Probleme bei der Kommunikationsentwicklung, sowie eine offene Haltung, Einstellung und Erwartungshaltung der Gesprächspartnerinnen hat einerseits einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Kommunikation bei nichtsprechenden Menschen, und andererseits wirkt die offene Haltung und veränderte Einstellung der Gefahr entgegen, durch bloßes starres Durchführen der Maßnahmen "blind" zu werden für ungewöhnliche Kommunikationsformen. Nicht zuletzt ist es notwendig, den nichtsprechenden Personen Strategien zu zeigen, mit denen sie zum Beispiel Aufmerksamkeit erhalten können oder ein Gesprächsthema auswählen und steuern können.
Das Ziel Unterstützter Kommunikation ist es also, nichtsprechende Menschen aus ihrer kommunikativen Not zu befreien (Braun). Dabei reicht es nicht, mit ihnen nur Kommunikationshilfen zu erarbeiten, sondern es ist für diese Menschen genauso wichtig, dass man ihnen aufrichtig, wertschätzend und mit einfühlendem Verstehen und Empathie (Rogers) gegenübertritt, damit sie die Erfahrung machen, dass sie und ihre Themen oder Mitteilungen ernst genommen werden. Sie erleben sich so als kompetente Gesprächspartnerinnen. Gerade dadurch werden Frustrationserlebnisse abgebaut und die Motivation zu neuen Aktionen erhöht sich.
Trotz der Maßnahmen der Unterstützten Kommunikation stößt man jedoch immer wieder an Grenzen. So können die Bezugspersonen einfach nicht immer alles verstehen, was die nichtsprechende Person ausdrücken möchte. Auch die nichtsprechende Person ist nicht immer in der Lage, durch ihr individuelles Kommunikationssystem alle ihre Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse auszudrücken. So kommt es trotz allem immer wieder zu Mißverständnissen. "Es ist ein Teil von Unterstützter Kommunikation, dass beide Gesprächspartner lernen, mit diesen Mißverständnissen, Kommunikationsabbrüchen und Fehlinterpretationen umzugehen" (Kristen).
Da viele Kinder mit einer geistigen oder einer Mehrfachbehinderung nur eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten entwickeln konnten, mit denen sie ihre Gefühle, Bedürfnisse und Erfahrungen der Umwelt eindeutig und für beide Seiten befriedigend mitteilen können, "ist es nötig, für diese Kinder individuelle alternative Kommunikationssysteme zu entwickeln" (Kristen). Dabei ist die Auswahl eines alternativen Kommunikationssystems "abhängig von dem Kommunikationsbedürfnis, den motorischen Möglichkeiten und dem kognitiven Niveau des Kindes" (Kristen).
Es steht außer Frage, dass das Konzept der Unterstützten Kommunikation für viele nicht- oder kaumsprechende Kinder eine Erweiterung ihrer kommunikativen Fähigkeiten darstellen kann. Da dieser Teilbereich der Sonderpädagogik in Deutschland jedoch noch relativ jung ist, gilt es noch viele Probleme zu lösen, u.a.:
Bemerkung: Zitate stammen aus (teils unveröffentlichten Niederschriften von Ursi Kristen und Ursula Braun).