Letzte Änderung: 13.09.2008

Kinder brauchen Märchen

Planung und Realisierung eines gebärdenorientierten Unterrichts

Die Autorin. ist Lehrerin an der Heimsonderschule Haslachmühle. Die Haslachmühle ist eine Spezialeinrichtung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Hör-Sprachbehinderung und geistiger Behinderung, mit Vorschulkindergarten und Heimsonderschule inklusive Werkstufe. Sie ist im Süden Deutschlands, in der Nähe von Ravensburg beheimatet.

Die verwendeten Gebärden sind der Gebärdensammlung "Schau doch meine Hände an" entnommen. Sie ist als Buch und als CD-ROM erhältlich. Dieses Gebärdensystem ist speziell auf die Bedürfnisse von nichtsprechenden, geistig behinderten Menschen zugeschnitten. Die oben genannte Gebärdensammlung ist maßgeblich von Mitarbeitern der Haslachmühle mitentwickelt worden.


Kinder brauchen Märchen - diese Feststellung von Bruno Bettelheim (1903 – 1990) ist nach wie vor aktuell. Mit Märchen kann Kindern ein Stück Lebenshilfe, vor allem Mut und Hoffnung gegeben werden, denn im Märchen – wir wissen es alle – siegt meist derjenige, der anfangs unterdrückt, klein und schwach war. Gut und Böse ist klar definiert. Der Held oder die Heldin steht vor großen Herausforderungen und gefährlichen Situationen, die er oder sie meistern muss. Das schaffen sie auch und werden am Ende glücklich.

Kinder identifizieren sich mit solchen Helden und wollen genau wie sie gut sein und am Ende Erfolg haben. Da sie in Bildern denken und in einer Welt leben, in der alles lebendig ist, gibt es keine Grenzen der Phantasie. Alles ist möglich, auch das Unmögliche. Der Erfolg der Helden liegt darin, dass sie die Missstände aktiv durch Stärke, Schlauheit oder List bekämpfen.

Die Botschaft der Märchen ist eindeutig: Es gibt Probleme und Konflikte, aber man kann sie überwinden – auch wenn man sich jetzt noch so schwach und klein fühlt. Dieser inhaltlich positive Verlauf eines Märchens erzeugt eine lebensbejahende, freudvolle Grundstimmung, in die Kinder gerne eintauchen und ein Stück weit auf ihrem Lebensweg mitnehmen.

Märchen und Geschichten leben von der Erzählsituation. Diese zeichnet sich besonders dadurch aus, dass zwischen Erzähler und Zuhörer ein Kontakt entsteht, der Gemeinschaftsgefühl und Geborgenheit vermittelt und darüber hinaus eine harmonische Atmosphäre schafft, der gerade bei Kindern große Bedeutung zukommt.

Auch behinderte Kinder lieben es, in gemütlicher Runde vielleicht beim Schein einer Kerze, einem Märchen zu lauschen. Aber wie können Märchen erzählt werden, wenn ein Kind z.B. gehörlos ist, ein anderes sich nicht lautsprachlich äußern kann, bzw. die kognitiven Fähigkeiten aufgrund einer geistigen Behinderung eingeschränkt sind?

In meiner Unterstufenklasse mit sprachgeschädigten und geistig behinderten Kindern erzähle ich einfache Märchen der Gebrüder Grimm, wobei die Gebärden die Lautsprache unterstützen. Zuvor ist es notwendig im Rahmen der Unterrichtsvorbereitungen das Vorhaben unter Berücksichtigung der individuellen Lernausgangslagen im kommunikativen und sozialen Bereich zu planen und mit den Schülern im Vorfeld Wörter, Begriffe und Inhalt des Märchens unter Berücksichtigung verschiedener Lernbereiche intensiv zu erarbeiten. Hier wird bereits deutlich, wie umfassend der Lernprozess bei der Bearbeitung eines Märchens für die Schüler sein kann!

Auf diese Weise entsteht für die Klasse im Laufe der ersten Schuljahre ein Repertoire an Märchen und Geschichten, ein „Märchenschatz“, aus dem die Kinder immer wieder schöpfen können, wenn es heißt "Heute wollen wir ein Märchen hören".

Lernziele

Folgende Lernziele stehen dabei im Vordergrund:

Piktogramm: Stadtmusikanten

Didaktisch-methodische Überlegungen:

Welches Märchen kann von den Kindern inhaltlich wahrgenommen, verstanden und verarbeitet werden?

Die Gebr. Grimm haben zahlreiche einfache Märchen geschrieben, in denen die Zahl der Personen/Tiere und der Handlungsrahmen in überschaubarem Rahmen bleiben.

Hier erläutere ich die Planung und den Ablauf anhand des Märchens „Die Bremer Stadtmusikanten“. Andere Märchen wie z.B. „Hans im Glück“, „Frau Holle“, „Der Wolf und die 7 Geißlein“, „Dornröschen“ sind genauso geeignet.

Wie klar und eindeutig muss der Kontext sein, damit richtig interpretiert werden kann?

Der gesamte Inhalt des Märchens wird an die kognitiven Möglichkeiten der Schüler angepasst, d.h. ich vereinfache die Sprache und lasse evtl. auch Teile der Geschichte weg. Bei den „Bremer Stadtmusikanten“ z.B. endet die modifizierte Geschichte mit der Szene im Räuberhaus, bei der die Räuber voller Angst in den Wald flüchten und die Tiere ins Räuberhaus einziehen, essen, trinken, sich freuen und fortan ein freies Leben führen können.

Wie setze ich den Text in Gebärdensprache um, bzw. wie passe ich den Inhalt des Märchens an Gebärden unterstützte Lautsprache an?

Es ist nicht möglich mit Hilfe der einfachen Gebärden, gesprochene oder geschriebene Sprache exakt wiederzugeben. Aber „Eine differenziertere Ausdrucksmöglichkeit kann durch Zwei- oder Dreiwortsätze erreicht werden. Die Grundaussagen stehen immer in der Gegenwartsform. Artikel, Fürwörter usw. werden nicht gebärdet. Satzgefüge und Satzverbindungen gibt es in einfachen Gebärdensprachen nicht. Frage- und Befehlssätze werden durch entsprechende Mimik und Gestik als solche gekennzeichnet. Die Wortfolge im Satz lässt immer erkennen, was dem Gebärdenden am wichtigsten ist. Trotzdem muss darauf geachtet werden, dass Gebärden synchron zur Lautsprache eingesetzt werden, wenn sie sprachunterstützend verwendet werden.“ (Zit. Adam, H., 184)

Beim Märchenerzählen mit Gebärden unterstützter Sprache kann also nicht der Urtext in seiner typischen Märchensprache verwendet werden, sondern dieser muss auf den wesentlichen Inhalt und eine deutlich vereinfachte Sprache reduziert werden. Es werden nur die sinntragenden Wörter gebärdet, wobei die gesprochenen Sätze mehr Wörter enthalten können.

Welche Voraussetzungen müssen die Kinder erfüllen, um mit Gebärden kommunizieren zu können?

Gemeint sind hier grundlegende Voraussetzungen, die Kinder mit geistiger Behinderung erfüllen müssen, damit die Kommunikation über Gebärden überhaupt möglich ist:

Welches Gebärdenvokabular ist den Kindern geläufig – welches ist fremd und muss im Vorfeld erarbeitet werden?

Dies kann individuell sehr unterschiedlich sein und sollte durch prüfen der Lernausgangslage des einzelnen Schülers festgelegt werden.

Aus einer anderen Unterrichtsepoche waren meinen Schülern die vorkommenden Tiere geläufig. Dennoch besprechen wir diese im Vorfeld, machen einen Lerngang zum benachbarten Bauernhof, beobachten und streicheln die Tiere (so weit möglich), benennen sie mittels Lautsprache und Gebärde. Dabei nehmen wir deren Lautäußerungen wahr (Iah, wau-wau....), da diese für das Märchen wichtig sind (Musik der Tiere).

In der Klasse betrachten wir Fotos und Bilder der Tiere und benennen erneut mittels Gebärden unterstützter Lautsprache. Dabei wird auch der Oberbegriff „Tiere“ verwendet und geübt.

Die Erarbeitung des Begriffs „Räuber“ (Mann, der stiehlt) kann einen etwas längeren Zeitraum einnehmen. Die Kinder erinnern sich jedoch an das letztes Fastnachtsmotto der Unterstufe „Die Seeräuber“ und können nach einer Wiederholung unseres Seeräuberspiels relativ schnell eine Verbindung herstellen und ein Kind gebärdet spontan „Mann böse“.

Gebärde: Mann Gebärde: Stehlen

Mann, der stiehlt ==>Räuber"

Weitere Gebärden wie „Es war einmal“, „vor langer Zeit“, „leben“, „weg jagen“, „fort gehen“, „Stadt Bremen“, „Musik machen“, „Wald“, „Räuberhaus“ etc. werden beim ersten Erzählen und Spielen des Märchens mit Holzfiguren und anhand eines selbst hergestellten Bilderbuches verdeutlicht.

Welche Hilfs-, bzw. Gestaltungsmittel setze ich ein unter Berücksichtigung umfassender sinnlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten und unter dem Aspekt des Sozialverhaltens?

Stadtmusikanten als Szene im Puppenhaus

Go Talkj

Kinderzeichnung: Esel Kinderzeichnung: Hund Kinderzeichnung: Katze

Gibt es eine passende Musik oder ein Lied, das wir gemeinsam einstudieren können?

Beim Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ ist es nicht einfach, ein geeignetes Lied in der Literatur zu finden. Es gibt aber ein altes, überliefertes Lied (ohne Noten), das ich immer wieder vorsinge und die Schüler gebärden dazu oder begleiten mit einfachen Schlaginstrumenten. Auch bei dem Rollenspiel habe ich es mit eingeplant:

Wir sind die wohlbekannten,

die lustigen Bremer Stadtmusikanten.

Musizieren und marschieren

in die große Stadt hinein,

denn in Bremen

soll das Leben lustig sein:

Iah, wau-wau, iah, wau-wau! Miau, kikeriki!

Wie gestalte ich eine Märchenstunde?

Wie bereits einleitend erwähnt, genießen alle Kinder eine gemütliche Stunde in der Kuschelecke, auf einem Sofa sitzend oder auch im Stuhlkreis und hören beim Schein einer Kerze versunken einem Märchen zu. Auch Kinder, die Probleme mit der Konzentration und Ausdauer haben, sind nach etwas Übung in der Lage, diese Zeit auszuhalten und dabei zu bleiben. In meiner Klasse ist dies schon fast zu einem Ritual geworden und ich setze es oft zum Abschluss des Schultages ein. Wir haben eine kleine Anzahl an Märchen und auch anderen Geschichten erarbeitet und immer wieder äußern die Kinder den Wunsch nach einem Märchen. Anhand von Bildkarten kann z.B. ein Kind sich ein bestimmtes Märchen wünschen oder auswählen. Obwohl sie die Märchen bereits häufig hörten und sahen, wird es nie langweilig! Wichtig ist dabei, dass der Text weitgehend gleich bleibt und der Ablauf sich kaum ändert. Dann sprechen oder gebärden die Schüler gerne spontan mit, werden dabei im Umgang mit ihrer eigenen Lautsprache oder in der Anwendung von Gebärden sicherer und können diese häufig auch auf andere Situationen übertragen und sich leichter kommunikativ äußern.

Ein Aufgabe für den Leser / die Leserin

Es war einmal ein Müller. Der hatte einen Esel. Das Tier war alt und müde geworden und konnte die schweren Säcke nicht mehr tragen. „Fort mit dir!“, schrie der Müller, „such dir dein Futter selber!“

Jeder kennt den Anfang des Märchens der Bremer Stadtmusikanten. Versuchen Sie die Geschichte weiterzuerzählen, indem Sie sie für Gebärden modifizieren und mit Gebärden begleiten. Gebärden hierzu finden sie im Buch "Schau doch meine Hände an" oder im DGS und MAKATON-Handbuch.

Märchentext
Mögliche Umsetzung in Gebärden

Da zog der Esel traurig seiner Wege.

Genauso erging es einem alten Hund. Der konnte keine Hasen mehr jagen. Da schickte ihn sein Herr fort.

Hund und Esel gingen gemeinsam weiter.

Eine alte Katze konnte keine Mäuse mehr fangen. Die Katze musste auch fort gehen.

Sie traf den Esel und den Hund und sie gehen zusammen weiter.

Da war ein alter Hahn. Der sollte geschlachtet werden. Der Hahn flog fort.

So zogen die Tiere zusammen die Straße entlang.

„Wisst ihr was!“, sagte der Esel, „wir wollen nach Bremen ziehen! Dort können wir Stadtmusikanten werden!“

Kleines Vokabelheft für Gebärden
(nach "Schau doch meine Hände an")
Gebärde: Tiere Tiere Gebärde: gemeinsam gemeinsam
Gebärde: Esel Esel Gebärde: müssen müssen
Gebärde: Hund Hund Gebärde: fliegen fliegen
Gebärde: Katze Katze Gebärde: Haus Haus
Gebärde: Hahn Hahn Gebärde: Buchstabe "B" "B"
Gebärde: alt alt Gebärde: alle alle
Gebärde: gehen gehen Gebärde: machen machen
Gebärde: traurig traurig Gebärde: singen Musik
singen
Gebärde: weg weg Gebärde: stehlen stehlen

„Mit den Händen sehen, mit den Augen fühlen.“ (Johann Wolfgang von Goethe (1749 –1832) Was meinte der berühmte deutsche Dichter mit diesem Zitat? Wie können wir mit den Händen sehen, bzw. mit den Augen fühlen? Es war eine wichtige Erkenntnis, die Goethe damals gewonnen hat: „Der Mensch kann sich erst dann als Ganzes wahrnehmen, wenn seine Sinne miteinander verbunden sind und sie miteinander kommunizieren.“

Ute R., Haslachmühle, Wilhelmsdorf