Alle in diesem Artikel verwendetenLiteraturstellen, wurden geschrieben von Therapeuten großer Einrichtungen. Das ist insofern wichtig, als
Aber auch deshalb, weil i.d.R. nur in großen Einrichtungen interdisziplinäre Hilfe-Ansätze unter der Einbeziehung von pädagogischen, psychologischen, therapeutischen, psychiatrischen und nicht zuletzt medizinischen Verfahren praktiziert werden können.
Im folgenden wird versucht, die folgenden Artikel zu kombinieren und wiederzugeben. Diese Artikel sind:
Zuerst fällt auf, dass zwei Begriffe Verwendung finden:
Die Assoziation von Martin Sperl ist: "wären diese Menschen nicht behindert, so wären sie auch nicht verhaltensauffällig; oder umgekehrt: wären sie nicht verhaltensauffällig, so wären sie wohl nicht behindert".
Ob ich ein Verhalten als auffällig sehe, ist zunächst abhängig von meiner subjektiven Einschätzung, die wiederum mit dem gesellschaftlichen Umfeld und Wertesystem sowie eigenen Handlungsressourcen zu tun hat. Man kann sich daher auf den Standpunkt stellen, dass ein bestimmtes Verhalten eben einfach zum Wesen eines Menschen gehört. (**)
Dazu gehört, dass ein Mensch durch seine Verhaltensweise, sich und seine Mitmenschen krank macht.
"Als Verhaltensstörung wird dasjenige Verhalten eines Menschen bezeichnet, das ihn selbst in der Entwicklung seiner Persönlichkeit beeinträchtigt und ihn zugleich mit seiner Umwelt in Konflikt bringt." (**)
Die Grenzen dazwischen sind fließend.
Als Erscheinungsformen für Verhaltensstörungen werden angegeben:
Manche Symptome lassen sich unter allen Formen von geistiger Behinderung beobachten (Kontaktstörungen, Aggression, psychische Störungen), andere häufiger bei schwerer geistig Behinderten (Selbstverletzung, Hyperaktivität, zusätzliche organische Symptome und Syndrome), andere bei leichter geistig Behinderten (Sucht, Dissozialität, Straffälligkeit, auffälliges Sexualverhalten). (*)
Es gibt Hinweise darauf, dass einzelne Verhaltensauffälligkeiten und -störungen in bestimmten Lebensphasen stärker auftreten und mit alterstypischen Anforderungen und deren Bewältigung zusammenhängen. (*)
Folgen wir im folgenden der Gliederung von Martin Sperl:
"1. Erst verstehen, dann erziehen"
"Die verzögerte motorische Entwicklung schränkt die Wahrnehmungsfähigkeit und Wahrnehmungsfreudigkeit ein. Während das gesunde Kind immer mobiler und damit unabhängiger wird, bleibt das behinderte Kind in hohem Maße davon abhängig, dass es von seinen Bezugspersonen hochgenommen, in eine andere Lage gebracht und durchbewegt wird, ja dass ihm Reize angeboten werden, die es von sich aus eben gar nicht entdecken kann. Seine Fähigkeit, zu seiner Umwelt in Distanz zu treten, ist also stark herabgesetzt. Nur aus der Distanz heraus aber können wir Überblick gewinnen über eine Situation, können Einzelheiten in Zusammenhang bringen, unsere Umwelt strukturieren, ihr einen Sinn geben. Wer aber nun Schwierigkeiten hat, selber eine Distanz herzustellen zu der Welt, die ihn umgibt, für den bleibt zwangsläufig vieles unüberschaubar, unbegreifbar, unerreichbar und von daher fremd oder gar unheimlich, bedrohlich. Wie aber soll er sich dann anders Verhalten gegenüber einer Umwelt, die Forderungen an ihn stellt, ohne seiner Behinderung Rechnung zu tragen, als eben aggressiv oder ängstlich verweigernd?" (**)
Traditionell werden Verhaltensaufälligkeiten gesehen als unmittelbare Folge der geistigen Behinderung, Hirnstörung, Stoffwechselstörung oder anderen organischen Beeinträchtigungen. Neuere Ansätze berücksichtigen häufig eine sehr individuelle und komplexe Entstehungsgeschichte.
Bei Menschen mit geistiger Behinderung wird generell angenommen, dass sie anfälliger sind für psychische bzw. verhaltensmäßige Reaktionen wie Anpassungsprobleme, psychische Krisen oder dauerhafte Verhaltensprobleme.
Im konkreten Einzelfall können sehr komplexe Entstehungsbedingungen für ein Verhaltensproblem vorliegen. Dazu gehören (einzeln oder in Kombination): (*)
Verhalten ist damit immer nicht bloß Reaktion, sondern immer Aktion, eine sinnhafte, zielgerichtete und kontextbezogene Handlung. Auch mit ihrem von uns als auffällig und störend empfundenen Verhalten sind Menschen mit geistiger Behinderung aktiv handelnde Personen. Verhaltensauffälligkeiten sind daher immer ein Signal für Bedürfnisse und Befindlichkeiten sowie die im Moment verfügbare Strategie zu deren Befriedigung und Bewältigung. (*)
"2. Nichts gegen den Fehler, alles für das Fehlende tun"
Was fehlt ihm denn? Was braucht der geistig behinderte Mensch? Was können wir ihm geben? Ein paar Argumente zum Überdenken seien im folgenden aufgeführt.
Menschliche Bedürfnisse wie:
spielen hier sicher eine große Rolle. Als Teilnehmer in einer Gemeinschaft dazuzugehören bedeutet: das Gefühl, für andere wichtig zu sein - das Wissen, das was ich tue, ist für andere wichtig. "Die Sehnsucht nach Lebenserfülltheit, deren Erfüllung so sehr mit Lebenstüchtigkeit verbunden ist."
Damit verbunden ist sicher auch die Erfahrung, Fähigkeiten entwickeln zu dürfen, gebraucht zu werden, Kompetenz zu erwerben. "Heimat und Kompetenz gehören zusammen."
Dies zu verwirklichen ist für den geistig behinderten Menschen ein Grundproblem.(**)
Nähe und Distanz als weitere menschliche Grundbedürfnisse dokumentieren die geradezu klassischen Konfliktsituationen des Lebens behinderter Menschen. Oft erzwingt die Behinderung eine Fülle bedränglicher Nähe, sind die Kräfte notwendige Distanz herzustellen beeinträchtigt.
"Für Eltern scheint die Tatsache, ein behindertes Kind zu haben, zunächst eine Behinderung ihrer selbst zu bedeuten. Nur selten gelingt es Eltern von vorneherein, ihrem behinderten Kind in einer annehmenden und damit zugleich fördernden Haltung zu begegnen. Viele Eltern wollen die Behinderung des Kindes nicht wahrhaben und anerkennen. Sie versuchen verzweifelt und hartnäckig, aus dem Kinde alles mögliche herauszuholen. Ständige Überforderung ist die Folge. Andere Eltern verfallen von Anfang an in Resignation: Wenn unser Kind schon behindert ist, soll es wenigstens nicht leiden müssen. Das Kind wird verwöhnt und damit ständig unterfordert. Überforderung und Unterforderung, beides hat gleichermaßen das Gefühl von Inkompetenz zur Folge." (**)
"3. Nicht nur der Behinderte, auch seine Umgebung ist zu erziehen."
"Was dem geistig behinderten Menschen fehlt, ist häufig wirkliche Kompetenz, und diese ist aufzubauen durch Förderung. Förderung bedeutet Forderung. ..Selbstverständlich sind Verhaltensstörungen damit nicht ohne weiteres behoben. Ich denke, wir müssen es unter Umständen akzeptieren, dass wir nicht alles wegtherapieren oder wegfördern können. Aber für den geistig behinderten Menschen selbst gibt es durch die Erweiterung seiner Kompetenzen alternative Verhaltensmöglichkeiten, Selbstbestätigung und mehr Möglichkeiten der Gemeinschaft mit anderen."(**)
Ernstnehmen von Mensch zu Mensch, in der Auseinandersetzung von Partnern.
Persönlichkeit zu entwickeln bedeutet weder bei uns - noch beim behinderten Menschen- pflegeleichter zu werden.
Therapeutische Ansätze (nach (*)):
Heute wird anerkannt, dass Menschen mit geistiger Behinderung grundsätzlich lern- und entwicklungsfähig sind - auch im sozialen und emotionalen Bereich. Dies hat u.a auch ein starkes Anwachsen (psycho)-therapeutischer Ansätze in der Arbeit mit verhaltensauffälligen geistigen Behinderten zur Folge. Dazu gehören:
Leider - so sagt es der Artikel von S. Bradl - sind fachkundige Therapeuten nur punktuell, meist in wenigen Großeinrichtungen, kaum aber vor Ort in den Regionen verfügbar.
Wer Hinweise/Näheres zu den Verfahren wissen will, sei auf seinen Artikel bzw. seine Literaturhinweise verwiesen.
Zur Erinnerung sei eine Tabelle aus unserer Fragebogenaktion von 1996 dargestellt.

Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten
Erstaunlicherweise wurde das häufige "Schreien" der Säuglinge/Kleinkinder überhaupt nicht genannt. Auch die Schlaf- und Durchschlafprobleme, die in allen Gesprächen auftauchen, und Eltern so nerven können, wurden nur teilweise genannt. Vielleicht gibt das Eltern von kleinen Kindern die Hoffnung, dass zumindest dieses sich mit dem Alter bessert.
Die mit Abstand am häufigsten genannte Verhaltensaufälligkeit war die "kurze Aufmerksamkeitspanne", gefolgt vom "Nuckeln", "Kopfschlagen", "Hyperaktiv" und "störende oder ständig wiederholte Verhaltensweisen".
Im einzelnen wurde zusätzlich folgendes benannt:
Frage nach: "Andere Selbst-Stimulationen"
Frage nach: "Autismusähnliche Verhaltensweisen"
Frage nach: "Bitte beschreiben Sie jede störende oder ständig wiederholte Verhaltensweise"
In diesen Auflistungen, so interessant sie auch sind, gehen die einzelnen Kinder mit ihren Eigenheiten und Problemen unter. Vor allem ist ein Zusammenhang mit dem Entwicklungstand und dem häuslichen Umfeld nicht erkennbar. Auch die große Altersspanne lässt sich nur erahnen. Sie sind eine Momentaufnahme dessen, was die Eltern (damals) gestört und genervt hat. Sie zeigen aber doch eine typische Häufung von Gewohnheiten, insbesondere die häufigen Nennungen von Kopf- und Körperschlagen, Nuckeln, dem Hyperaktiven Verhalten und der kurzen Aufmerksamkeitsspanne.
Die Frage danach, was davon genetisch bedingt und was Folgeerscheinung ist, bleibt weiterhin Spekulation. Vermutet wird, dass bei einem Teil der Verhaltensauffälligkeiten, insbesondere bei Hyperaktivismus und Kopfschlagen der anfänglich hypotone Muskeltonus eine Rolle spielt. Man erklärt sich das Verhalten damit, dass die Kinder sozusagen auf der Suche nach ihrem Körper und ihren eigenen Grenzen sind. (S. Berger: Das Cri-du-Chat-Syndrom, Kap. 4.5 Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit Cri-du-Chat-Syndrom).
Wir haben damals auch danach gefragt, was als (Gegen-)Steuerung sich als hilfreich erwiesen hat. Angegeben wurde:
Während in älteren (amerikanischen) Untersuchungen von den Eltern angegeben wurde, dass Verhaltensauffälligkeiten mit dem Alter zunehmen, scheint dies bei uns nicht so gravierend zu sein. Das mag daran liegen, dass die von uns erreichbaren 5p-Menschen in der Regel noch im Kindesalter sind, vielleicht liegt es aber auch daran, dass Förder- und Beschäftigungsmöglichkeiten verbessert wurden.